oil on canvas

(fk) eine lange bahnfahrt zum augsburger brechtfestival – anlass für einen ausflug in ein anderes genre, damit es nicht langweilig wird.

es gibt einen mit öffentlichen mitteln ganz ordentlich geförderten theatermarkt. und es gibt einen markt für bildende kunst, der nur teilweise auf subventionen (für museen, stipendien, förderprojekte etc.) angewiesen ist, der andererseits sehr puren marktwirtschaflichen regeln gehorcht, dessen teilnehmer u.a. galeristen und mehr oder weniger finanzkräftige sammler sind. dies ermöglicht einzelnen marktteilnehmern bekanntermaßen phantastische honorare, provisionen und spekulationsgewinne. in russland ist für ein neureiches, repräsentationsbedürtiges kunstpublikum in den letzten jahren sogar ein eigener kunsttrend erfunden worden, berichtete kürzlich ein sehenswerter arte-beitrag. welche lehren sind aus diesen mechanismen für den theaterbereich möglicherweise zu ziehen, speziell mit blick auf die notorisch klamme autorensituation? im folgenden also der versuch, pferdeäpfel mit glühbirnen zu vergleichen:

lektion 1: herr baselitz hat vor kurzem angekündigt, seine malerei neu anzugehen. künftig will er so viele farbschichten übereinander auftragen, bis sich ein komplett schwarzes resultat ergibt. black. licht aus und vorhang zu. so ganz neu ist diese haltung nicht: giacometti soll über nacht viele seiner gerade gekneteten figuren wieder zu einem batzen lehm zusammengehauen haben, um am nächsten tag aus dem selben batzen seine wunderbaren, vergänglichen menschenbilder zu kneten. – beide vorgänge eint: künstler und schaffensprozess bleiben unter sich. bildnerische lehrstückkonzepte. wobei baselitzens ansatz der wirtschaftlich schlauere ist, weil er den zur schlacke erstarrten kunstrest (schwarz signiert?) noch verkaufen kann. giacomettis vergängliche produkte sind dem theater näher, er verstarb zwar nicht wie viele artgenossen als armer schlucker, tatsächlich aber erzielte sein marschierender mann, der als billigabdruck mahnend in meinem büro hängt, erst jahrzehnte nach giacomettis tod mit über 70 millionen euro den höchsten preis, der jemals für ein kunstwerk gezahlt wurde. als bronze, wohlgemerkt, nicht als batzen lehm. – in welche legierung wären texte fürs theater, wäre theater zu gießen?

lektion 2: sommer 2004. freundin a., damals kunstgeschichtsstudentin und „momanizerin“, hat mich durch einen seiteneingang der berliner nationalgalerie in die moma-ausstellung geschummelt. draußen umrunden zwei viererreihen das gebäude, das mal ein autosalon werden sollte. eigentlich will ich mir nur ein bild von twombly ansehen, ich komme aber gar nicht erst in die nähe, weil gleich mehrere besuchergruppen weg und sicht versperren (twombly ist in?). also statte ich herrn pollock noch einen kurzbesuch ab, vor dem es ziemlich leer ist (pollock ist out?) und schlage mich dann richtung ausgang durch. unterwegs komme ich an einer quadratischen weißen leinwand vorbei. ich muss an das stück “kunst” von frau reza (in!) denken und bleibe stehen. und zwar ziemlich lange. – „wenn du was sehen willst, geh näher ran“, flüstert mir a. zu, die wieder neben mir ist. sie muss es wissen. und aus etwa einem meter distanz sehe ich dann: sehr feine rote linien, die waagerecht und in engstem abstand ohne einander zu berühren die komplette leinwand überziehen, anscheinend freihändig mit einem buntstift aufgetragen: „red bird“ von agnes martin. eine mir auf den ersten blick irgendwie indianisch anmutende vogelflugmeditation. und natürlich ist das bild mehr als das, aber darum solls hier nicht gehen. – kunsterfahrung braucht freundliche vermittlung. fehlt eine aktive eigene hinwendung, verpasst du womöglich das wesentliche. das gilt 100prozentig auch für theaterbesuche und fürs stückelesen. (ich würde sogar soweit gehen, zu sagen, dass manche kunst nur deshalb existiert, weil ich sie betrachte und als solche erachte. diese haltung nehme ich mir mittlerweile heraus, nachdem sich gag-künstler mir gegenüber auch schon einiges erlaubt haben. außerdem ist es – erkenntnistheoretisch besehen (cern usw. usf.) – sowieso “in”, die dinge so zu betrachten. gruß an herrn hirst an dieser stelle, um dessen produkte ich die größtmögliche bögen schlage, um nicht hinsehen zu müssen.)
 
lektion 3: (bevor ich noch weiter abschweife.) neo rauch erzielt mit seinen großformatigen bildern gerade höchstpreise, was ihm sehr zu gönnen ist. im pressematerial zur leipziger ausstellung von 2010 findet sich ein bemerkenswerter rauch-erklärtext, den ganz sicher ein ehemaliger dramaturg geschrieben hat:
 
„die bilder von neo rauch gleichen szenischen überlagerungen. sie weisen dramatische zuspitzungen auf, aber auch lethargische sequenzen aus einem endzeitstück. die unverwechselbare malerei knüpft an die große kunsthistorische tradition an – an tizian, tintoretto oder el greco. als moderne bezugspunkte benennt der künstler beckmann, bacon, beuys und baselitz. rauch in die tradition des surrealismus zu stellen, ist durchaus berechtigt. gleichwohl spiegelt sich in seinem werk die komplexe stimmungslage unserer gegenwart mit ihren widersprüchlichen gefühlsdispositionen. das 21. jahrhundert vermittelt sich als ein zeitalter der aufklärung wie auch der verunklärung, als eine epoche des globalen zeigens und verbergens gleichermaßen. alte mythen werden umgeschrieben, alternative identitäten erfunden, images manipuliert und im nächsten schritt schon wieder entlarvt, ideologien und systeme gefeiert und verdammt. in der collageartigen zusammenführung von einzelmotiven entsteht ein sperriger zusammenhang. in ihm ergeben räume, akteure, deren werkzeuge, haltungen und rituale einen ganz eigenen sinn. die bilder verweigern sich jedem erzählerischen illusionismus und verweisen auf ihren modellhaften charakter. neo rauchs werke zeigen die welt als absurdes theater und „vorführung“ – so der titel eines der zentralen gemälde.“
 
kurz darauf dann rauch über rauch: „es gibt einen roten faden, es gibt einen grundkurs, in dem ich zu beginn des arbeitens festlege, was ich will. ich muss wissen, worum es mir geht, wenn ich die erste farbe auf die leinwand setze. es gibt aber immer wieder entwicklungen, die ich nicht vorhersehen konnte und auch nicht vorhersehen wollte und auf die ich reagieren muss. das sind die allerschönsten momente während dieses gesamtherstellungsprozesses, wenn das bild etwas von mir verlangt, das ich ihm eigentlich zunächst gar nicht zubilligen wollte. das sind auch die momente, in dem ich mich als maler weiterentwickle. (…) das malen muss ein abenteuer bleiben. ich arbeite nicht nach entwürfen oder sonstigen vorlagen, sondern meditiere vor der weißen leinwand und fange dann an. (…) mein malen ist natürlich in erster linie ein ausgesprochen selbstbezogenes unterfangen, das mich in seiner komplexität kokonartig einspinnt und für die dauer des schaffensprozesses aller außenbindungen enthebt. aber dass es sich dabei auch um einen akt der kommunikation handelt, bedingt nicht nur der professionelle kodex, sondern liegt unvermeidlich in der natur des mediums. bestimmte formen der selbstumkreisung erzeugen offenbar gravitation; nur so kann ich mir die tatsache erklären, dass sich manche von meinen bildern angezogen fühlen. sie spüren offenbar das zutagetreten vertrauter empfindungen, für die sie bislang keine formale entsprechung fanden, denn bei aller lust an der interpretation soll doch der malerei das privileg vorbehalten bleiben, das nichtverbalisierbare in eine sinnfällige struktur zu fügen. (…) auf mich wirkt malerei dann am stärksten, wenn sie mit der absichtslosen selbstverständlichkeit eines naturereignisses auftritt und mir einen erkenntnisgewinn über den antrieb des staunens und der sinnlichen erfahrung einspielt. ich kann nur hoffen, dass ich wenigstens mit einem teil meiner arbeiten auf ebenjene weise all denen etwas mitteilen kann, die auf dieser ebene empfangsbereit sind. (…) ich erwarte oder erhoffe eigentlich in erster linie einen betrachter, der meine bilder als malerei wahrnimmt und reflektiert und nicht zu sehr, zumindest nicht in erster linie, als erzählung, als buchstabierbares bilderrätsel, dem man vollständig auf den grund kommen kann. ich selbst verhalte mich ja vor tintoretto oder beckmann auch nicht anders. ich nehme es als malerei wahr und will nicht sofort wissen, was passiert dort eigentlich. das heißt, ausschlaggebend ist zu guter letzt doch die frage, wie eine wie auch immer geartete geschichte ins bild gesetzt ist. wie ist sie letzten endes über das handwerk realisiert und welche wirkung kann sie praktisch zwischen den zeilen des textes entfalten. denn der text selbst, das sind die gitterstäbe und dahinter geht die bedeutung wie ein tiger im käfig auf und ab. so hätte ich es gern.“
 
- man merkt sofort: hier spricht ein kunstprofi und -professor, im vollbewusstsein seiner mittel und schöpferischen möglichkeiten: bewusste themensetzung, selbstverortung auf traditionsspuren, kunst als quasi-naturhafter, spontaner, intuitiver umsetzungsprozess, isolierte, sozial abgeschottete produktionsweise, kommunikation ist nebeneffekt und nicht hauptzweck, sinnliche erfahrung vs. rationaler erkenntnis, vermittlung von emotion statt bedeutung usw. – ein moderner kunstvollprofi mit einem ästhetischen konzept, das – und das ist das erstaunliche daran – dem 19. jahrhundert entsprungen scheint. – purer fichte oder schelling, damit kannst du heute gar nichts mehr beweisen, meinte dazu kürzlich im total verrauchten hackbarths freund und autor o., der auch philosoph ist. rauch zähle bekanntermaßen zu den konservativsten in der neuen malerei. und doch finde ich es bemerkenswert, dass sich trotz aller avantgarden und parallel zu unzähligen anderen, längst entwickelten formen der bildenden kunst, die sich jenseits des alten tafelbildes entfaltet haben, eine bestimmte herstellungsweise von kunst als modern erhält, erfolge feiert und mit ihren mitteln sogar etwas neues zu sagen hat. die wirkung von künstlern wie rauch bestätigt mich ganz un-nostalgisch in meiner wertschätzung für literarisch durchgearbeitete theatertexte (womit ich nicht nur dialogisches meine), gerade auch wegen dieses anhaltenden erfolges von “oil on canvas” gegenüber kurzlebigen avantgarden, die ablösung propagieren, wo es doch eigentlich um bereicherung gehen sollte.

ein problem bleibt natürlich, dass ich mir auch weiterhin keinen rauch leisten kann. davon profitiert wiederum gelegentlich der bislang nur eingeweihten bekannte flämische maler johan pille, dessen preise nach wie vor sowas von im keller sind, dass ich diese info eigentlich besser für mich behalten sollte …

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