Utopische Enklaven

Eine flämisch-deutsche Sommerabschweifung

Lieber Pieter, „Einfach vortrefflich / all diese großen Pläne: / das Goldene Zeitalter / das Reich Gottes auf Erden / das Absterben des Staates. / Durchaus einleuchtend. / Wenn nur die Leute nicht wären! / Immer und überall stören die Leute. / Alles bringen sie durcheinander. / Wenn es um die Befreiung der Menschheit geht / laufen sie zum Friseur. / (…) Man kann sie doch nicht alle umbringen! / Man kann doch nicht den ganzen Tag auf sie einreden! / Ja wenn die Leute nicht wären / dann sähe die Sache schon anders aus.“ so heißt es in einem Gedicht von Hans Magnus Enzensberger aus den 60er Jahren.

In Deinem Text „Mauervariationen für Anfänger“ (siehe voriger Beitrag) gehen die Leute nach dem Friseur in einen Swingerclub, um dort ihre Körper einzuölen und aneinanderzureiben. Rosa Luxemburg, oder vielmehr das, was von Rosa Luxemburg übrig ist, spaziert in den Club und mischt den Laden auf.

Sie klemmt sich einen Swinger zwischen die Schenkel und zettelt einen Aufruhr an. Die spontane Demonstration endet auf dem Marktplatz, ohne Richtung, ohne Ziel. Bis sich die Nackten wieder zerstreuen.

Im Text ist von der Möglichkeit einer „utopischen Enklave“ die Rede und von der Notwendigkeit eines Mauerbaus. Mit Mauern kennen wir uns in Deutschland ganz gut aus. Ich kann der Idee einer geschützten Insel jenseits eines auf Profite ausgerichteten Systems viel abgewinnen. (Letztlich beruht auch unser Verlagsmodell auf einer solchen Idee.) Und ich beziehe Dein Bild natürlich sofort aufs Theater. Diese fast schon romantische Vorstellung einer von äußeren Zwängen abgekoppelten Theaterarbeit grundiert die Stimmung an vielen deutschen Theaterhäusern. Und das gilt für Theaterleute im Osten wie im Westen. Hiesige Theatermacher teilen – bei allen biographischen Differenzen – die Erfahrung von Stillstand nach größeren gesellschaftlichen Aufbrüchen, ob nun persönlich erlebt oder indirekt nachvollzogen. Theater musste in Betonzeiten in Ost und West dafür herhalten, ausbleibende gesellschaftliche Veränderungen auszugleichen. Und muss es immer noch, denke ich manchmal. Theater als Anstalt für schöne, einem festen Ort zugewiesene Ersatzbewegungen. Mal zwei, manchmal sogar fünf Stunden Aufenthalt im Rebellionszoo mit Sophie Rois oder Samuel Finzi. Aber kann denn Theater überhaupt mehr als eine Schule der Empfindung sein? Von einem Laboratorium sozialer Phantasie war sogar einmal die Rede. Steckt in diesem Anspruch nicht eine wahnsinnige Überforderung der Möglichkeiten von Theater? Ich frage mich das immer öfter. Zum Beispiel, wenn ich eine neue Komödie lese, die wirklich sehr komisch ist und ein Zeitgefühl sehr genau notiert. Gleichzeitig sind wir, der Autor und ich, uns dann schnell darüber einig, dass sein Stück die Welt vermutlich kaum nachhaltig verändern können wird. Und da sitzen wir dann, und dieses unbestimmte, ohnmächtige Gefühl legt sich auf das Lachen und macht es unfrei.

Vielleicht fangen wir aber doch woanders an. Ich bin mir auch gar nicht so sicher, ob es in Deinem Text überhaupt um Theater geht. Und man soll ja auch das fiktive Ich nicht mit dem Autor vermischen. Du arbeitest als Autor, Regisseur und Filmemacher, neuerdings trittst Du mit Deinen Texten auch selber auf. Mit deiner „Anthology of Optimism“ warst du im letzten Jahr am Berliner HAU zu sehen und tourst damit jetzt durch ganz Europa. Du singst in Finanzkrisenzeiten in einem anderen Vortragsabend ein „Loblied auf die Spekulation“. Auch Deine „Mauervariationen“ sind eher ein Pamphlet oder Vortragstext als ein konventionelles Theaterstück. Was bringt dich dazu, neben Deinen Stücken, die ja in verschiedenen Städten inszeniert werden, selbst auf die Bühne zu gehen? Ist das Dein neuer Schutzturm aus selbstgebauten Mauern? Deine persönliche utopische Enklave? Wie kommt ein belgischer Theaterphilosoph überhaupt dazu, im Jahr 2010 Mauern errichten zu wollen? Geht’s nicht eher ums Einreißen?

Herzlich – Frank

Einen Kommentar schreiben