Mauervariationen für Anfänger – von Pieter De Buysser

Wir veröffentlichen hier einen programmatischen Text des flämischen Autors, Theatermachers und Philosophen Pieter De Buysser.

Wir danken Autor und Übersetzer für die freundliche dramablog-Genehmigung .Viel Vergnügen bei der Lektüre:

Pieter De Buysser

Mauervariationen für Anfänger

Aus dem Niederländischen von Uwe Dethier

- Unkorrigierter Voraustext -

© und Aufführungsrechte: henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag Berlin GmbH 2010

AFTER THE FALL / Europe after 1989 / A Goethe-Institut Theatre Project

Uraufführung am 18. November 2009, Studium Generale, theater Miry, Gent/Belgien

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Du betrittst einen großen Platz, mitten in einer mittelgroßen Stadt. Du stellst fest, was du schon wusstest: es ist ein Marktplatz. Du legst einen Stein auf den Boden und noch einen obendrauf. Du machst zehn Tage so weiter, et voilà, deine erste Mauer ist gebaut. Das ist überhaupt nicht schwer. Ich sagte es schon: dies sind Maurervariationen für Anfänger, Fortgeschrittene rümpfen darüber zweifellos die Nase. Und sie haben einen guten Riecher: Fortgeschrittene haben hier nichts zu suchen. Fortgeschrittene sind nämlich schon zu weit fortgeschritten, in einem Zustand, in dem es alles andere als fortschrittlich ist, so weit fortgeschritten zu sein. Dies sind Mauervariationen für Anfänger. Für jene, die anfangen wollen. Also für jene, die ein Ende machen wollen. Für jene, die finden, dass es Zeit ist, noch einmal zu sagen: das ist Geschichte. Es war im Jahr 1989, als in unseren Breiten der Satz “Das ist Geschichte” noch mit Recht ausgesprochen werden konnte, über eine Periode, die einen Tag zuvor geendet hatte. Am 9. November 1989 wurde Die Mauer platt gemacht, Ende des Kalten Krieges, Exit Kommunismus, Triumph Kapitalismus. So heißt es.

Du stehst auf dem Marktplatz, du schaust die Mauer an, die du gebaut hast, eine solide, blinde Mauer. Du schaust sie an, du guckst dich blind. Das ist der Moment in dem die Mauerschau beginnt. Teichoskopie. Mauerschau ist ein Terminus aus dem Theater, der Moment in dem der Zuschauer auf ein kahle Mauer schaut, und doch wird sein Blick abgelenkt nach draußen, auf ein Draußen, das aus praktischen Gründen nicht auf der Bühne gezeigt werden kann, zum Beispiel, wenn der Bote spricht, wenn berichtet wird, was sich draußen abspielt. Im Moment der Mauerschau drängt sich die Außenwelt den Drinnengebliebenen auf. Die Mauerschau macht dem Publikum das Draußen vorstellbar. Du stehst da auf deinem lächerlichen Marktplatz, blind starrend vor deiner blinden Mauer und ein Draußen drängt sich dir auf, ein Draußen, noch ferner als das, was neben den Rändern der Mauer liegt. Ein unvorstellbares Draußen, das deine Augen bricht, und es spricht.

“Those who do not move, do not notice their chains.” höre ich eine Frauenstimme rufen. Ich schaue mich um und sehe auf der anderen Straßenseite Rosa Luxemburg. Sie kommt in meine Richtung gehumpelt, auf einen Einkaufswagen von Lidl gelehnt. Sie kollidiert mit einem Opel Astra. Die Kratzer an der Karosserie sind ihr scheinbar egal. Es geht ihr nicht gut. Wirklich nicht. Sie würde ihre roten Haare nach hinten werfen wollen, aber das gelingt nicht, weil sie keine Haare mehr hat. Sie hat – um es gleich unhöflich zu sagen – auch keinen Kopf mehr. Ich würde ihr gern die Hand geben und sagen: “Gute Frau Luxemburg, oder Rosa – wenn Sie erlauben – kann ich etwas für sie tun?” Aber sie schwankt über die Straße. Ich zögere. Ein gurgelndes Geräusch kommt aus ihrer Kehle. Ich überquere die Straße, nähere mich ihr, sie wirkt betrunken. “Ich bin NICHT betrunken.” sagt sie. “Hier gibt’s nichts zu trinken für mich”. Das verstehe ich, sage ich, aber wenn Sie erlauben, gehe ich gerne kurz in den Lidl und kaufe Wasser, oder eine Cola, oder vielleicht etwas Starkes? – Sehe ich so aus, als hätte ich ne trockene Kehle? Ich sage “nun, die Blutklumpen scheinen mir schon länger geronnen, drum dachte ich …” – “Ich will lebendiges Wasser, strömendes Wasser, Fruchtwasser und das ist hier nicht zu finden.” Ich sage, wenn Sie erlauben, bei mir zuhause habe ich einen Wasserhahn und wenn ich daran drehe … – “Ich spreche von einem anderen Strom, bester Freund: Die Revolution ist das Größte, alles andere ist Quark.” “Ja sicher, gnädige Frau, den kenne ich, das ist ein sehr verblüffender Slogan von Ihnen, aber Sie haben auch gesagt: die Größe einer Frau liegt nicht in ihrer Qualität eine Liebe zu beginnen, sondern in ihrem Talent eine Liebe zu beenden. Ist es nicht an der Zeit, dass Sie Ihre Liebe zur Revolution beenden?” Das hätte ich besser nicht gesagt. Sie läuft purpurrot an vor Wut. Ich erspare ihnen die Details und mache mit meiner Lesung weiter.

Auf zur nächsten Mauervariation!

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Aus den Furchen die der 9. Novembers 1989 gezogen hat, haben wir uns noch immer nicht erhoben. Nicht, dass seither nichts mehr geschehen wäre: auch der elfte September wird mitunter als ein historischer Bruch beschrieben. Ich bezweifle das, nicht jedes historische Ereignis ist deshalb auch gleich ein Bruch. Als sich die Flugzeuge auf New York senkten, war das vielleicht nur die Auswirkung eines Hochmuts, der sich seit 1989 von niemandem mehr gebremst fühlte. Ich erzähle den elften September als Ikarustag des Kapitalismus. Das amerikanische Modell hat in seinem zynischen Optimismus den islamischen Fundamentalismus, der ihn terrorisiert, mit verursacht. Slavoj Zizeck hat darauf hingewiesen, dass der Fundamentalismus eine unmittelbare Folge des Kapitalismus ist. Der liberal demokratische Kapitalismus löst den Fundamentalismus nicht auf, er verursacht ihn. Um den Kapitalismus steht es wie in „The Kingdom“, der Serie von Lars Von Trier: es ist der Arzt, der den Virus verbreitet. Das Auftauchen des Fundamentalismus passierte gleichzeitig mit dem Verschwinden der säkularen Linken in den islamischen Ländern. Vor 30, 40 Jahren hatte Afghanistan eine starke weltliche linke Bewegung. Die Fundamentalisierung Afghanistans ist das Produkt des Aufgenommenseins in der globalisierten Welt. Die fundamentalistische Verwirrung lässt sich im Übrigen nicht auf einen Glauben beschränken, geschweige denn eine Region. Bis in die 70-er Jahre war Kansas das Herz der amerikanischen linken Bewegungen. Die hatten dort ihre Wurzeln.

“Jeder Faschismus ist der Index einer gescheiterten Revolution” – Walter Benjamin.

Überall, wo der Kapitalismus gnadenlos zuschlägt, kreiert er Exzesse. Nicht nur weit von uns entfernt, sondern auch in unserer Nähe. Die hartnäckige, fundamentalistische Glaubensüberzeugung, dass Flandern unabhängig werden soll, die sich panisch an die Flämische Identität knebelt, ist die Folge der Angst vor einer sich globalisierenden Welt, welche die intrinsischen Barbareien von Völkern nicht aufhält. Die Antraxanschläge in den vereinigten Staaten und der Anschlag in Oklahoma wurden nicht von Fundamentalisten verübt, die erst noch ein Flugzeug nehmen mussten, um nach Amerika zu gelangen. Das waren Fälle von internem Terror. Terror, der nicht nur laut “Rummms” sagt, sondern uns vor allem geduldig wiederholt, dass der saubere Nationalstaat ein gefährliches Phantom ist.

Nach 1989 wurden die Vereinigten Staaten zur Achse einer unipolaren Weltordnung, militärisch und technologisch ohne Beispiel, und generöser Verteiler einer vermeintlich staatenlosen ökonomischen Globalisierung. Chomsky hat fachkundig dargelegt, dass, wenn die Nürnberger Gesetze korrekt angewendet worden wären, jeder Nachkriegs-Präsident von Amerika, bis hin zu Bush, hätte aufgehängt werden müssen. Die privatwirtschaftliche, nationale amerikanische Politik wurde zur universellen Mission. Und wir schlafen, wir leben in diesem Frieden auf der angenehmen Seite der neuen Mauer. Die Berliner Mauer wurde nicht umgestoßen, sie wurde nur nach hinten verschoben, sie steht in Lampedusa, Gibraltar und Cadiz. Und wir schlafen und werden von Albträumen heimgesucht. Währenddessen werden Immigranten deportiert, werden neue Territorien abgesteckt in einer Welt, die gleichwohl das Maul voll hat von Reisefreiheit.

Was jetzt folgt, ist eine etwas langweilige Liste. Ich werde z. B. über das Unrecht sprechen, das einem togolesischen Landbauingenieur angetan wurde. Meistens werden dergleichen Listen benutzt, um dem Publikum einen bestimmten Effekt moralischer Entrüstung zu entlocken. Nun, sollte das passieren, viel Spaß damit, das ist nicht meine Absicht. Ich weiß nicht, was moralische Entrüstung ist. Weil ich nicht weiß, was genau Moral ist. Und dieser fundamentale philosophische Zweifel verhindert nicht, dass ich zu meinem Leid das Eine oder Andere weiß, dass ich informiert bin und das tut weh.

Während wir schlafen, hat der Begriff Arbeitslosigkeit eine ganz andere Dimension bekommen. Im Englischen sagt man: “a shift from unemployment to underemployment”, ich würde das übersetzen als: “von der Anstellung zur Stellung ohne Anstand”. Es geht um den Ein-Euro-Job. Um pakistanische Ärzte, die in London Taxifahrer sind. Um einen rumänischen Anwalt, der mit Dienstleistungscheques in Brüsseler Familien putzen kommt. Um, da haben wir ihn, einen togolesischen Landbauingenieur, der nach Antwerpen kommt, um Herrenhäuser zu besetzen. Und während wir schlafen, hinter unseren Mauern aus Beton und Stacheldraht, werden ökonomische Kriege ausgefochten, haben Chinesen das Sagen in afrikanischen Minen, kontrollieren kanadische Manager, mittels Anlagefonds die Maisernte in Peru … . Während nachts unsere Mauern bewacht werden, bohrt ein französischer Energieriese fröhlich auf den freien Markt pfeifend in Nigeria nach Öl, aber ein Nigerianer, der in der Pariser Metro geröstete Maronen verkaufen will, wird festgenommen, weil er keine Erlaubnis hat. Der kann auf seinen freien Markt pfeifen. Während wir schlecht gelaunt frühstücken, auf der gleichwohl angenehmen Seite der Mauer, bilden sich auf dem ganzen Planeten Ministaaten, die sich jedweder Obrigkeit oder Staatsinteresse entziehen und wo das organisierte Verbrechen die Gesetze bestimmt. Während wir in Stille unsere Arbeit tun, schwillt das Gespenst einer mythischen nationalen Identität überall zu giftigen Soufflés an.

Ungeachtet dieser etwas ärgerlichen Liste bleiben die Pläne für unser Zusammenleben verschlossen. Das höchste Ideal, das wir kennen, ist “gute Verwaltung.”

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Ein neuer Anfang tut Not. Ein epochales Ereignis. Ein Schnitt in der Zeit. Eine Zäsur die das Alte vom Neuen trennt. Aber es sind nicht wir, die entscheiden, wann dieses Ereignis stattfindet. Das Ereignis entscheidet für uns. Was wir tun können, ist bereit stehen. Vorbereitet und trainiert. Deshalb diese Variationen, wie ein erstes Buch von Schmoll.(Leopold Andreas (Paul) van Ostaijen 1896 – 1928, flämischer Dichter und Prosaautor, Het eerste boek van Schmoll (1928) (’poésie pure’)) Dies sind Mauervariationen für Anfänger. Lasst uns eine Mauer mauern.

Ich ziehe hier eine Mauer aus einer anderen Substanz als Beton und Stacheldraht hoch. Das einzige Werkzeug, das ich habe, ist das Alphabet. Ich bin Erzähler, ich handle nicht in Beton. Und selbst als Autor kann ich die expliziten ideologischen Regeln nicht ändern. Ich kann aber versuchen, die dahinter liegenden, obszönen, ungeschriebenen Regeln neu zu schreiben, zu pervertieren, zu infiltrieren und nass zu machen, die Wüste der Wirklichkeit wieder fruchtbar zu machen.

Rosa ist ausgerastet. Sie war grausam gekränkt, dass ich zu suggerieren wagte, sie könne ihre Liebe zur Revolution vielleicht verwerfen. Sie sitzt auf dem Boden neben ihrem Einkaufswagen. Sie hat eine Tüte Chips in der Hand, Barbecue-Taste. Sie drückt die Tüte, die platzt auf, ihre Hand hebt die offene Tüte hoch, sie kippt die Tüte raschelnd leer, in das Loch in ihrem Rumpf, wo einmal ihr Kopf war. Eine unspektakuläre kristalline Konstellation aus Gasen und Dämpfen steigt zwischen ihren Schultern, in die graue, nichtssagende Luft auf, und sie gluckst. “Verdammt nochmal” sagt sie. “Der Marxismus ist ein revolutionäres Weltbild, das immer um neue Erkenntnisse kämpfen muss.” Ich sage ” kann man wohl sagen”, Punkt für Lenin.

Aber warum dieses Wort weiter benutzen? Wie viele Morde wurden im Namen des Marxismus verübt, wie viele Gulags, wie viele Exekutionsmauern, wie viele Berliner Mauern, verträgt die Semantik eines Wortes bis es zu grauer Asche pulverisiert?

“Asche lässt Rosen blühen, das weiß ich von meinem Vater”, sagt Rosa, “Es gibt nichts besseres für Rote Rosen als Asche.” Ich schaue sie an, “Sie sind ein erstaunlich guter Bauchredner.” – “In der Tat” sagt sie, “ich rede aus dem Bauch heraus, ich hab nichts anders mehr, meinen Verstand hab ich verloren.”

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Als vor zwanzig Jahren die Menge in Berlin die ersten Breschen in die Mauer hackte, kam Willy Brandt dazu. Sofort wurde ihm ein Mikrofon unter die Nase gehalten. Brandt war Berliner Bürgermeister, als in den frühen 60ern die Mauer hochgezogen wurde. 1989 war er gefeierter Alt Bundeskanzler, Ex Außenminister, Friedensnobelpreisträger von 1971. Und er sagte: “Meine Überzeugung war es immer, dass die betonierte Teilung und dass die Teilung durch Stacheldraht und Todesstreifen gegen den Strom der Geschichte standen..” Und währenddessen hackten die Menschen weiter. Mit dem ersten Loch in der Mauer konnte der Strom der Geschichte wieder fließen, und das tat er. Kurz. Für die unmenschlich kurze Dauer eines revolutionären Moments. Eine kurze Periode lang lagen die Möglichkeiten offen wie ein unbefahrenes Meer. Das ist eine epochale Begebenheit, das Ereignis, in dem alles passieren zu können scheint, weil es wirklich nicht mehr weiter geht. Der Augenblick, in dem der Weg frei wird, weil der Weg komplett verbaut ist. Aber wohin, in welche Richtung? Felipe Gonzales, der damalige spanische Premier, tauchte, wie so viele in diesen Tagen, ins Reich der Metaphern ein, und von ihm stammt die ergreifende und vielleicht akkurateste Beschreibung des historischen Ereignisses des November ‘89: ” Die Geschichte galoppierte wie ein losgerissenes Pferd ohne Reiter durch die Nacht des Falls der Mauer.” Dieser einzigartige Moment, in dem die Möglichkeiten von ihren Beschränkungen loskommen, in dem man ins Ungewisse springt – Man findet ähnliche Beschreibungen des revolutionären Momentes bei Büchner, zum Beispiel über die Französische Revolution, oder bei De Certeau über den Mai ‘68 – der kurzen Moment, in dem die Verstrickungen des Gleichmaßes durchbrochen werden, in dem die gesetzmäßige Maschinerie der Wiederholung kurzschließt und die Nacht von Funken erhellt wird, ein Augenblick der ungezügelten Vergeudung, ein Aufschub zielgerichteten Handelns, der seit je her ausgeblendete Moment, in dem der Wunsch, Indianer zu werden, Wirklichkeit wird, wie in der winzigen Erzählung von Kafka, die schon vorbei ist, ehe sie angefangen hat: “Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf,” dieser einzigartige, seltsame Moment, der sich verflüchtigt eh man sich versieht, hat stattgefunden.

Aber die Zügel sind schnell wieder ergriffen.

Es gab keine Indianer, nur Hedgefondsmanager. Willy Brandt hatte Recht: eine Mauer aus Beton und Stacheldraht steht gegen den Strom der Geschichte. Und die Bresche, die damals geschlagen wurde, hat hier ein offenes, weites Feld bereitet. Einen immens großen Markt. Eine glatte Fläche mit der Freiheit des Vergehens als Alpha und Omega. Die big beach right open and ready for America’s holiday from history. Und dieser wachsende große Markt in dem wir leben, scheint jetzt, zwanzig Jahre nach dem Datum, ein toter Weiher. Hier strömt die Geschichte ebenso wenig. Wir leben umkapselt von derselben Logik des Expansionismus. “Der logische, ethische Stil hier ist eine indifferente Rangordnung aller Dinge in einem homogenen Raum”, schreibt Sloterdijk. Hier haben wir das stillstehende Brackwasser, ein lauwarmer Gestank, der von unten in die Hosenbeine steigt. Und ab und zu das Kreischen und das Geschrei, die von der anderen Seite wie Pfeile in unsere Ohren schießen.

Deshalb diese Mauervariationen, um hier, in der Wüste der Wirklichkeit Mauern hochzuziehen, Dämme anzulegen, damit die Geschichte strömen kann. Das einzige was ich kann, ist weiter versuchen, auf dem Papier und auf der Bühne, der armen, leeren, stets fast nackten Szene Platz zu schaffen für etwas Wirkliches. Während draußen das Spektakel weiter rast. Aber was bedeutet das, etwas Wirkliches? Geht es um die Leidenschaft für das Reale, eine lakanianische “passion du Réel”? Aber ist die Leidenschaft für das Reale denn anders erlebbar, als in der Umarmung der Linse durch die man auf die Wirklichkeit schaut?

Badiou schreibt in seinem “Le siècle”, dass die Leidenschaft für das Reale die Leidenschaft ist, die das ganze zwanzigste Jahrhundert gekennzeichnet hat. Es war die Leidenschaft, falsche Kopien der Wirklichkeit zu demaskieren, um ihre Imitationen zu diskreditieren, ihre illusorischen Spiegel zu dekonstruieren. Diese Leidenschaft hat zu den Avantgarden des zwanzigsten Jahrhunderts geführt, sowohl der politischen als auf der künstlerischen. Es war auch diese Leidenschaft, die eine Säuberungslogik in Gang gesetzt hat, sowohl in den künstlerischen als auch den politischen Avantgarden: nur durch die totale Vernichtung des Vergangenen kann das Neue erscheinen. Die Leidenschaft für das Reale wurde zum Säuberungsalptraum. Es hat seine Zeit gedauert, seine Leichen und Traumata gekostet, dahinter zu kommen, dass der Mensch keinen Zugang hat zu so etwas wie dem sauberen Realen. Das bedeutet, dass die Rolle des Erzählers im 21.-Jahrhundert eine andere ist, als die im 20.-Jahrhundert. Ich spiele mit maskierten Interpretationen des Realen. Ich weiß, dass die Kraft der Fiktion nicht fiktiv ist.

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Ich schaue Rosa an. Sie liegt vor der Aldi-Fassade auf dem Bordstein. Sie schnarcht. Aus ihrem Rumpf treten mit jedem rasselnden Geräusch kleine Schaumblasen aus. Ich denke erneut an Peter Sloterdijk, “Das heitere Denkbild Schaum dient dazu, dem prä-metaphysischen Pluralismus der Weltschöpfung post-metaphysisch die Ehre zu erweisen. Die eine Blase ist tot, es lebe der Schaum.” Rosa könnte mal ein Bad vertragen.

Rosa ist ein Gespenst. Das Gespenst ist nicht bloß ein Geist aus einer früheren Zeit, der uns an unser Erbgut erinnert, eine Vergangenheit. Ein Gespenst ist nicht tot und nicht lebendig, es bringt das Fantasmatische in die Politik, und hilft uns vielleicht die Freiräume von heute zu verstehen. Gespenster sind auseinanderfallende Stimmen die kommen, um zu soufflieren, unser Bewusstsein zu schärfen. Kräfte aus der Vergangenheit bestimmen das tägliche Leben auf eine komplexere und andere Art, anders als die haarspalterischen Erklärungen mancher Soziologen. Ich denke daran, was Bolano in „2666“ Boris Jelzin sagen lässt, der Ihnen bekannte Troubadour, der Mann, der den Russen die Gesetze von Angebot und Nachfrage beibrachte. Auf einer Kloschüssel sitzend, mit einem Schnaps in der Hand, spricht Jelzin: “Ich werde dir erklären, was das dritte Bein am menschlichen Tisch ist. Ich werde es dir erklären. Und dann lass mich in Ruhe. Das Leben ist Nachfrage und Angebot, oder Angebot und Nachfrage, alles beschränkt sich darauf, aber auf diese Art kann ein Mensch nicht leben. Es ist ein drittes Bein nötig, um vorzubeugen, dass der Tisch nachgibt und auf den Müllhalden der Geschichte landet, die auf ihre Weise fortwährend auf den Müllhalden der Leere landet. Drum präg dir eins gut ein. Dies ist die Formel: Angebot + Nachfrage + Magie. Und was ist Magie? Magie ist Epik und auch Sex und dionysischer Nebel und Spiel.”

Der Bau einer Mauer mit Gespenstern, Fiktionen und Erzählungen ist eine utopische Tat. Eine freiwillige, selbstbewusste Utopie. Diese Erzählungen kreieren eine utopische Enklave. Einen fremden Körper im sozialen, eine Stasis im Differenzierungsprozess. Hier, in der Welt meiner Erzählungen, sind Zuschauer, Leser, Schreiber und Figuren zusammen für die Dauer der Geschichte außerhalb des Bereichs des sozialen Geschehens. Das ist das Paradox der Mauervariationen: eingehen auf den Ruf unserer Zeit, von Sloterdijk zusammengefasst in dem Satz: “Escape from escapism”, bedeutet, dass man hier landet: in diesen utopischen Enklaven finden wir uns. In diesem Raum bezeugen wir gleichzeitig unsere politische Machtlosigkeit und gleichzeitig unser Vermögen, neue Bilder vom Sozialen auszuarbeiten und auszuprobieren. Die utopische Enklave, die diese Mauervariationen für Anfänger errichtet, hat kein politisches Ministerium, hat keine Armee, die sich der Realisierung ihrer Phantasmen und Wunschträume widmet. Hier, in diesem mentalen Raum innerhalb des sozialen Raums, erklingen Stimmen, Gespenster, die ideologisch und alltäglich, grotesk und poetisch, zärtlich und schrecklich sein können. Das ist ein Ort, der den Schein der ewigen Unveränderlichkeit mit kritischer Negativität behext, mit Abwesenheit, die die Wirklichkeit nass von Abwesenheit macht. Die bewirkt, dass die Wirklichkeit sich selbst als Wirklichkeit vermisst.

Die utopische Mauer, die diese Mauervariation baut, ist keine Mauer, die sich rücksichtslos der Wirklichkeit aufdrückt, wie ein Programm oder ein Stempel. Sie ist nicht ihr eigenes Modell, sondern das Defizit, das Brandmal eines sublimen Mangels, dass diese Enklave der Wirklichkeit aufdrückt. Diese Mauer will einen utopischen Impuls an die Oberfläche kommen lassen. Das ist keine politisch revolutionäre Praktik, nicht mal, weil ich kein politisches, geschweige strategisches Talent habe, sondern weil unsere Zeit, hier und jetzt, dazu nicht bereit ist. Es werden nicht wir wohlsituierten Flamen sein, die das revolutionäre Moment entfesseln werden, es sei denn, dass es etwas mit Brüssel – Halle – Vilvoorde und Flämischer Unabhängigkeit zu tun hat, aber das ist keine Revolution, das ist schiere Trägheit. Eine Revolution macht man nicht, sie passiert, und auf das Passieren kann man sich vorbereiten. Ich suche neue, räumliche Einheiten. Ich schaffe literarische Skulpturen aus einem utopischen Impuls, die vielleicht die Welle weitergeben. Ich habe ein Programm, das ich realisiert sehen will. Die utopische Geschichte ist keine pastorale Idylle, sie ist kein Auszeichnen von fröhlichen Gesichtern, verträumten Landschaften und Straßen ohne Dreck: das alles ist nicht mehr als eine Blaupause der Gemütlichkeit einer neuen Bourgeoisie. Die utopische Groteske, so wie ich sie sehe, ist eher eine diagnostizierende Intervention. Sie beschwört, eliminiert, kastriert und lässt singen, bis, wer weiß, zum Beispiel der Porzellanschrank davon birst.

Eine Geschichte, ein Stück, oder nennen wir es eine literarische Skulptur, kreiert eine imaginäre Enklave im realen sozialen Raum. Mit anderen Worten: die Möglichkeit eines utopischen Raums ist die Folge einer räumlichen und sozialen Differenzierung, einer Abgrenzung, einer Mauer.

Die Mauern dieser Enklave sind von anderer Substanz als eine Mauer aus Stein und Beton. Die Mauer dieser Enklave hat die Schwäche eines Versprechens. Ein Versprechen eines Schreckens oder einer Alternative, ein Versprechen einer Erinnerung, oder ein Versprechen eines Vergessens, aber ein Versprechen. “Das Gedächtnis des Willens” nennt Nietzsche die Möglichkeit des Menschen ein Versprechen abzugeben, und er sah darin auch gleich den einzigen Unterscheid zwischen Mensch und Tier. Innerhalb der utopischen Enklave, die diese Mauervariationen bauen, wohnt ein Versprechen, das Vermögen zu beginnen, immer aufs Neue zu beginnen in endlosen Prozessen. Da liegt die einzige Chance, dass wir kein Opfer von automatischen Zwängen sind. Das Versprechen, das sich in unserer Enklave abspielt, muss wie eine isolierte Insel bleiben, eine Insel von lediglich interner Sicherheit, mitten in einem Ozean von Unsicherheit. Sobald ein Versprechen dazu missbraucht wird, die Zukunft ein für allemal festzulegen, einen Weg zu markieren der in allen Richtungen zur Sicherheit führt, verliert das Versprechen seine Kraft und macht sich selbst zunichte.

Der Bau einer Mauer aus Stein und Beton hingegen ist ein Bekenntnis. Es ist das Bekenntnis, dass deine Utopie als Utopie gescheitert ist, dass sie ihre Wirksamkeit als vitalisierende Kraft verloren hat. Die Berliner Mauer war nichts weiter als die deutliche Unterstreichung der Feststellung, dass die Konkretisierung des Marxismus gescheitert ist. Und sobald dies passiert, müssen Interessen sichergestellt werden. 2002 traf die Europäische Gemeinschaft eine schamlose Entscheidung, die komischerweise immer noch für wenig Aufregung sorgt: es wurde beschlossen eine Mauer zu bauen und Europäische Grenzpolizeikräfte auf die Beine zustellen, um die EU vor dem Immigrationsstrom zu beschützen. Was sagt diese Maßnahme anderes, als dass den Europäischen Führern langsam bewusst wird, dass das spätkapitalistische Modell, die liberalen demokratischen Prinzipien, die sie Europa aufpfropfen wollten, scheitern, ihr Ziel verfehlen? Die Globalisierung, für die sie stehen, ist nicht universalisierbar. Wir brauchen Mauern, weil es auf der anderen Seite nicht vorangehen will. Sie kommen mit Flößen zu uns. Das Wohlfahrtsmodell, das mit universellen Menschenrechten und der Globalisierung der freien Marktprinzipien winkt, ist dann eben doch nicht universalisierbar, globalisierbar: wir müssen Mauern bauen, um an der Idee festzuhalten, eine Mauer die das Auge vor dem eigenen Scheitern abschirmt, davor, wie unsere Utopie sehenden Auges verkalkt. Das ist das Märchen der Globalisierung: es endet im Bau von Mauern aus Beton.

Die liberale Demokratie ist identisch mit Stagnation. Die einzige Aktion die sie unternimmt, ist auf die Stoßseufzer der populistischen Rechten zu reagieren, die Phrasendrescherei von de Winter, Wilders, und Co übersetzt man in eine akzeptable, liberale Sprache. Die Vision die formuliert wird ist Übersetzungen der Idee, dass der populistische Hass gegen die Immigranten verwerflich ist, aber wir müssen wohl erkennen, dass sie Probleme geltend machen, die wir liberalen Demokraten jetzt auf eine zivilisierte Art angehen werden. Und die Taten die daraus folgen, resultieren immer wieder im Schließen der Grenzen, in der Befestigung der Mauern rund um das Fort Europa.

Das war’s dann. Wir kennen nichts als trübe Faulheit. Was mich lähmt, was mich verwirrt, ist, dass alles bleibt wie es ist. Nicht der Einwanderer, der Fremde, der Barbar ist schauderhaft, sondern die Feststellung, dass dies so feststeht. Das sich vollkommen Gleichende ist hundert Mal gruseliger, als der Mann mit dem Turban.

Und jetzt: wer wagt den Wahnsinn einer Entscheidung? Ein revolutionärer Sprung ins Ungewisse, ohne Garantie, was dabei heraus kommt. “On attaque et puis on verra” [man greift an und dann wird man sehen] war der Slogan von Napoleon, und es geht eine unwahrscheinliche, Unheil verkündende Anziehungskraft davon aus.

Wie steht es um die revolutionäre Tat? Der Sprung, der nötig ist, der Sprung der selbst die Koordinaten des Kontextes anzeigt, von wo aus der Sprung gemacht wird. So ein Sprung, in dem die Tat des Springens selbst die Konditionen für seine Rechtfertigung schafft?

Und es gibt keine Garantie gegen die Möglichkeit eines Exzesses. Dieses Risiko muss man eingehen. Als die Berliner auf die Straße gingen und skandierten: “Wir sind das Volk”, hatten sie keinerlei Garantie, dass man nicht auf sie schießen würde. Im Gegenteil, das Drama auf dem Tian’anmen Platz war noch frisch in Erinnerung, die Gewalt der Stasi wurde über Jahre immer ausgefeilter, aber sie wagten das Glücksspiel, sie machten einen kierkegaardschen Sprung.

Aber sind wir bereit solch ein Risiko auf uns zu nehmen, bin ich selbst dazu bereit? Ist das revolutionäre Verlangen nicht der Verlockung des Fundamentalismus verwandt? Dem Sprung in den Glauben, in dem das Denken aufgegeben wird und man sich in die Hand des Ereignisses gibt, des verabsolutiert göttlichen, historischen Ereignisses?

Heutzutage ist so etwas in Europa nicht zu erwarten. Wenn unser Opel murrt, spucken wir ihn an, soweit zum revolutionären Phlegma. Wir sind noch zu sehr abgeschirmt, um die Notsituation zu erkennen, die Notsituation in der sich die liberale Demokratie befindet. Auch ich bin nicht bereit zu springen. Und wenn ich springe, dann springe ich zwei Mal. So wie Moses, der zwei Mal auf den Felsen haut, bevor das Wasser strömt. Warum haut sogar er, Moses, eigentlich zwei Mal, warum reicht nicht ein geschickter Schlag und die Kraft des Glaubens verwandelt den Felsen in einen Baum? Die französische Philosophin Hélène Cixous hat dafür eine wunderbare Erklärung: Moses muss zwei Mal auf den Felsen hauen, das ist die verletzte Vorsicht des Denkens, das ist die Zerrissenheit und die Spaltung des Denkens, ““ce double coup de Moïse” , schreibt sie, “ce coup qui dure une dixième de seconde, c’est le doute, le il n’y a pas de fois sans doute. La fois c’est deux fois.”

Klopf, klopf.

Im Juni 2009 machte ein Mitarbeiter eines Krankenhauses in Berlin eine eigenartige Entdeckung: ein enthaupteter Körper einer Frau in Formalin.

Die Untersuchung zeigte schnell, dass dies der Körper von Rosa Luxemburg sei. Der Körper der in Friedrichsfelde liegt, ist nicht der ihre. Ihr vermutlicher Körper war schwer zugerichtet erst einen Monat nach ihrem Tod wiedergefunden worden, die Totengräber hatten ein Kärtchen an den Zeh gehängt: “die beiden Beine dieser Frau sind gleich lang”. Warum diese Mitteilung? Es blieb immer ein Rätsel, bis jetzt: Rosa Luxemburg hatte eine etwas aparte Physiognomie, ihr eines Bein war länger als das andere, die Missbildung ging von ihrer Hüfte aus. Durch die Anmerkung: “die beiden Beine dieser Frau sind gleich lang” drückten die Totengräber ihre Zweifel über die wahre Identität dieses Körpers aus, von dem angenommen werden sollte, dass es Rosa Luxemburg war.

“Inzwischen hat sich gezeigt, dass der gefunden Körper nicht mit der wahren Identität von Rosa Luxemburg übereinstimmt. Die Frage bleibt natürlich: würde Rosa Luxemburg sich selbst einen Kopf machen um ein Konzept wie “wahre Identität”? Würde sie selbst nicht dafür plädieren, zusammenhängende Subjekte und saubere, unverschnittene Identitäten zu hinterlassen? Ist die Idee der “wahren Identität” nicht eine Beruhigungspille der reaktionären Kräfte unter uns? Ich bin für eine Rosa Luxemburg und die sich bis in die Unendlichkeit wälzende Metamorphose, für eine Rosa Luxemburg und die Kraft der Phantasie. Hyperreal und konkret.”

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Rosa Luxemburg, mit ihrem kurzen Beinchen und der schiefen Hüfte und dem enthaupteten Rumpf, betrat am Dienstagabend den Swingerclub an der Kotijsebaan [in Holsbeek – Belgien]. Sie war allein, wollte auf Erkundungstour gehen. Während Damen und Herren an Camparis nippen, schaut sie durch eine Perlengardine in ein Hinterzimmer. Sie beschließt, dort mal nachzusehen. Neun sich windende Leiber gleiten in- und auseinander, schmieren einander mit Crèmes ein, lecken einander, wobei ein träges Gurren zu hören ist, wie von einer Taube, die zu viel gegessen hat. Rosa fragt “Entschuldigung, was hat das hier zu bedeuten”. Aber niemand antwortet, dies ist das Reich der Tat, nicht der Antwort. Eine Hand greift zwischen ihre Beine und Stücke toter Haut fallen auf die seidenen Kissen. Ein Man riecht an seiner Hand, lacht, “mmh, Formalin”, und fängt an Rosa Luxemburg zwischen den Beinen zu lecken. Rosa fragt erstaunt “Hallo, was soll das?”, aber der Mund des Mannes, sein ganzes Sprechorgan, verschwindet im gut konservierten Fleisch ihrer Möse. Seine Lippen, seine Zunge, seine Nase schieben sich in ihre schiefe Hüfte. Ihr Beinsystem hat nicht mehr die Festigkeit, die man von einer jungen Dame erwarten kann, und weil der Mann energisch drückt und schiebt, verschwindet bald sein ganzer Kopf in ihrer Vagina. “Was soll das?” fragt sie. Der Mann bemerkt, dass er sich in einer misslichen Situation eingenistet hat und fragt, ob jemand das Licht anmachen könne. Niemand hört ihn, die Delfinmusik ist zu laut und ihr wehmütiges Gewimmer übertönt jeden Ruf nach Licht. Der Man zappelt mit seinen Beinen, stampft herum und verdirbt so seinen Mitkörpern die Freude. Die bemerken die besondere Situation und versuchen dem Mann zur Hand zu gehen, indem sie an seinen Beinen zerren. Vergebens. Eine gesetzte Dame, Anfang sechzig, findet den Anblick nicht so schön, übrigens jeden Blick, der nicht auf sie gerichtet ist, findet sie nicht so schön, und jetzt das: ein Mann, der sie eben noch so flink gebumst hat, ist aufgegangen in dieser Leiche ohne Kopf. Nicht schön. Sie zieht ihren Bademantel an, schlurft an die Bar und bestellt noch einen Campari rosé. Ihre Partner haben inzwischen das Licht angemacht und ziehen mit vereinten Kräften an den Beinen des unglücklichen Herrn, der komplett in Rosa Luxemburg aufgegangen ist. Rosa seufzt, “Junge, Junge, hier steckt der Wurm drin, geht das nicht etwas ruhiger, da unten?” Aber er scheint ordentlich fest zu sitzen. “Entschuldigung,” sagt sie, ” aber es ist ja nicht so, dass ich, weil ich das Ewige für das Vergängliche eingetauscht habe, hierfür Zeit habe.” Und mit einem Schnipp spannt sie die Muskeln ihrer Vagina an, was einen heftigen Schrei des Mannes zur Folge hat. “Steh auf du, Elendiger!” Es ist nur ein hohles Geräusch zu hören wie aus der Tiefe einer Grotte, deren Eingang versperrt ist. Es freut sie, dass sie den Herren zwischen ihren Beinen anscheinend beherrschen kann, indem sie mit ihren Schammuskeln hantiert. “Schnipp!” machen ihre Muskeln und der Mann steht aufrecht. Rosa auf seinen Schultern, sein Kopf verschwunden in ihrer Scham. Rosa, ansonsten klein von Gestalt, schaut nun herab auf die halbnackten Körper, die vor Öl und Körpersäften schimmern. “Ich glaube, dass Ihr mir jetzt eine Erklärung schuldig seid”, erklärt sie von oben herab. “Nun … ähm … tja …”, niemand in der Gruppe, der nicht ein wenig intimidiert ist. Ein kräftiger Busch roten Schamhaares, wie ein wüster Schnauzer und darüber der nackte Körper eines schon recht ansehnlichen jungen Mädchens. “Was macht ihr hier?” Die Gruppe starrt etwas verlegen auf die nackten Zehen, “kommt schon, erklärt mir mal was das hier ist” “Nun, das ist ein Swingerclub und … ” “Ja, das weiß ich, aber warum macht ihr das?” Die Dame in den Sechzigern zündet sich eine Zigarette an, und ist der kecken Rosa mit einer Antwort dienlich: “weil das toll ist”. “Das meinst du nicht wirklich. So glücklich und befriedigt seht ihr nicht aus.” ist Rosas Replik. “Ich weiß was euch quält, ich weiß was euch nötigt und wovor ihr weg “lauft” hab ich sagen wollen, aber mache daraus, wovon ihr weg leckt”. “Ich höre”, sagt ein zickiges Mädchen mit einem Bauch voller Piercings wie ein Reißverschluss: “Dass das Leben nicht bloß eine stumpfsinnige Aneinanderreihung von Fortpflanzung und Genuss ist, von der Vermeidung von Schmerz und Tod, das ist das traumatischste. Das ist es, was hier außerhalb dieser Mauern gehalten wird.” “Ach so, wo hält sich dieses Gesetz denn auf?” fragt das eiserne Reißverschlussmädchen. “Komm mit nach draußen.” antwortet Rosa. “Haha, das will ich sehen”, sagt der Notar Von Oben, “komm, ich folge dir, das musst du mir zeigen …” – “Gut”, sagt Rosa, “folgt mir.” Hier greift die Puffmutter ein, der Betreiber des Clubs hatte noch Rechnungen offen und die wollte sie nicht unbezahlt lassen. Sie eilt zur Türe und legt den Riegel vor. “Erst bezahlen!” “Komm, komm”, sagt Michelle, Accountmanager bei der Commerzbank, “dieses eine Mal? Wir kommen doch gleich zurück”. Darauf sofort Rosa, als schlage sie eine Fliege im Fluge tot: “Ich schwöre, dass ihr, sobald ihr das Gesetz gesehen habt, nicht mehr zurück wollt, sogar nicht mehr zurück könnt.”. “Eben darum!” ruft die Puffmutter, “erst bezahlen, ich hab hier noch 6 Campari rosé offen, 8 Tuborg, und eine halbe Flasche Cava”. Notar Von Oben spürt einen revolutionären Drang in sich hochkommen, wie damals, als er Tutor war, bei der Taufe der Jura-Erstsemester in der Studentenverbindung. Er taucht hinter die Theke, greift sich eine Kiste Bier und wirft sie gegen die Mauer des Etablissements. Die bestand aus schlecht verarbeiteten Gipskartonplatten und mit einem Wurf hatte er ein Loch hineingerissen. Die Puffmutter protestiert lauthals, aber der Spaß der halbnackten Leiber schöpft aus dem Vollen. Hätte Rosa noch Augen, sie würde sie jetzt bedecken, schlimm ist, dass sie trotz der vielen Jahre Todsein nichts an Sensibilität eingebüßt hat, drum weiß sie, was da passiert. Das eiserne Reißverschlussbauchmädchen springt in die Folterkammer, nimmt dort ein Gerät, von dem glücklicherweise nur sie die Handhabung kennt und fängt an, das Loch in der Mauer weiter damit aufzuhacken. eine halbe Minute später ist das Loch groß genug, dass jeder hindurch kann, und alle, auf verzweifelter Suche nach etwas Transaggressivem, kriechen mit steifem Pimmel und harten Nippeln, einer nach dem anderen durch das Loch. Sie versammeln sich auf dem Kies des Parkplatzes. Rosa seufzt. Sie zieht ihre Leistenmuskeln zusammen und der Mann, der noch immer brav mit seinem Kopf in ihrer Vagina steckt, bewegt sich zum Loch, kriecht hindurch und begibt sich zur schimmernden Gruppe auf den rot erleuchteten Parkplatz. “Komm schon Rosa, show us the way!” “Einverstanden, wenn ihr darum bittet, folgt mir,” und sie drängt ihr Männchen auf die Straße. Und Rosa auf dem Kopf, so buchstäblich hat sie noch nie auf den Kopf gestanden wie heute, läuft durch die Straße, an Teppichland und Brantano Footwear vorbei, den Standstreifen entlang zusammen mit einer von Öl triefenden Schar Swinger hinter ihr. “Also ihr wollt die traumatische Erfahrung, dass das Leben keine stumpfsinnige Aneinanderreihung von Geburt und Genuss ist, am lebendigen Leib machen?” “Jaa, jaa,” rufen sie im Chor, “Toll! Au Ja! Ja!” Gib mir Schmerzen, dass ich etwas spüre! etwas Wirkliches! Die harte Wahrheit!” “Oh ihr armen Erdenwürmer” seufzt Rosa, hoch über ihnen erhaben. Der Verkehr der sonst auf diesem Schnellweg vorbeirast, wird langsamer, es entsteht ein Zuschauerstau, Fenster werden heruntergedreht und Herren rufen den spärlich bekleideten Damen der Gruppe allerlei Schlüpfriges zu. Der Lieferwagen eines Telekomunternehmens fährt an die Seite: “Gibt’s Verbindungschwierigkeiten, kann ich helfen?” “Komm” ruft Notar Von Oben, “Komm mit uns, Frau Rosa Luxemburg wird uns schaudern lassen, sie verspricht uns etwas Traumatisches! Die Wahrheit aller Dinge, das was war, was ist und was sein wird!” “Super” sagt Ronny von der Telekom, “count me in! Ich hab einen ganzen Tag lang Digiboxen herumgefahren, ich kann wohl was Kräftiges vertragen”. Und schnell stoppt auch ein Caravan Familienwagen, ein Deutscher Lastwagen, und innerhalb einer Viertelstunde steht der Schnellweg still. Überall zurückgelassene Autos, und der Zug hinter Rosa schwillt an zu einem quirligen Fluss. Manche laufen in Polonaisen, andere allein auf Zehenspitzen um gerade noch etwas aufzuschnappen von dem, was gerüchteweise hier versprochen wird. Rosa, immer noch auf den Schultern des Mannes sitzend, mit seinem Kopf in ihrer Vagina, wird es doch etwas mulmig, als sie sich umschaut. “Das ist verdammt lange her, dass ich solche Massen auf die Beine gestellt habe” sagt sie zu sich selbst, aber sie ist fest entschlossen, ihr Zaudern nicht zu zeigen und sie stimmt ein russisches Marschlied an, das schnell in entstelltem Flämisch übernommen wird.

Erstaunt, woher alle das Lied kennen, Rosa weiß natürlich nichts von der „night of the proms“, wohin es all die Jünger zieht, sich die Seele aus dem Leib singen. Diese Menschen hier hinter ihr, realisiert sie, haben hohe Erwartungen. “Vor hundert Jahren hatte ich einen Plan, ich hatte den Mund voll von Marx und dem Klassenkampf, und ich wusste, dass die Revolution die Wahrheit und der Weg war. Aber jetzt, was soll ich ihnen jetzt zeigen?” Sie dreht sich um, rumort mit dem Bauch und donnert: “Dass da Wahrheit ist! Dass da Wahrheit ist, das ist der Schrecken und der Terror, das ist das Brandmal vor dem wir flüchten!” – “Zeig sie uns!” tönt es aus der Masse “Zeigen! Zeigen!” Und ein jemand fängt an zu singen, nackte Titten, nackte Titten, aber der wird unverzüglich von den Umstehenden abgestraft, es geht um etwas anderes, Rosa wird uns etwas wilderes, grauenhafteres zeigen, Rosa rosa rosam, Rosae rosae rosas Rosarum rosis rosis! Zeig es uns, Rosa, deine schreckliche Wahrheit! Sie antwortet nicht, denn sie weiß keine Antwort. Sie denkt “ich muss mir schleunigst etwas ausdenken”, keinen blassen Schimmer hat sie, aber sie biegt rechts in eine Straße ein und wandert stramm weiter.

Sie betritt den großen Platz einer mittelgroßen Stadt. Sie stellt fest, was sie schon wusste: es ist ein Marktplatz. Und da in der Mitte, da wo wir einen Stein auf den Boden gelegt haben, und noch einen obendrauf, steht Rosa vor der Mauer, der Mauer, die wir gemauert haben. Der blinden Mauer auf die wir schauen, wo die Mauerschau anfing, der Blick auf das Draußen, der Blick, der Rosa hierher geholt hat. Die Menge hinter ihr schließt auf, tausende Menschen stehen hinter und neben ihr. Rosa hat Schweißhände. Sie hat behauptet, dass es ein Gesetz gibt das Wahrheit ist, jetzt kommt es darauf an. “Ist es hier? Ist es hier?” rufen sie “Hebt mich auf die Mauer!” befiehlt sie. Und sofort helfen sechs Männer Rosa und ihrem Untermann auf die Mauer. Da steht sie dann. Alle Augen auf sie gerichtet. Die Menge wird still. Nur ein Windhauch in der dunklen Nacht. “Was siehst du, Rosa? Siehst du es, lass es uns sehen?” Und Rosa stammelt, sie bekommt nichts heraus, es dauert der Menge zu lang, sie wollen auch sehen, was sie sieht, und sie fangen an, in die Mauer zu hacken. Rosa nickt, sie sagt nichts, sie weiß, dass diese Mauer, auf der sie jetzt steht, nur dazu diente hierher zu kommen, und jetzt, wo sie hier ist, jetzt, wo sie sieht, was sie sieht, darf es nicht zerstört werden. Und während die Menge zu hauen beginnt, bis da langsam nichts mehr von der Mauer übrig ist, fängt Rosa an zu sprechen. “Ich sehe nichts.” sagt sie und sofort wird es still. “Ich sehe eine Leere und auch die nicht. Ich sehe nichts. Ich sehe wie nichts verschwindet, in nichts, ohne etwas, ich sehe eine Wüste, ein Feld von Kaninchen, Kindern und Rummel, ich sehe einen kahlen verlassenen Platz voller Menschen voller Erwartung, voll Tod, die Leere in einem Seufzer, es ist nichts, es ist nichts, ich sehe keinen Trost und keine Schönheit, ich sehe nichts, hier ist nichts, es ist nichts, ich sehe, dass ich es gerne sehe, ich sehe, dass ich es mag, ich sehe, dass ich davon aufs Neue anfange und fange aufs Neue an, aufs Neue beginne ich, das mag ich.”

Und das waren ihre letzten Worte, zusammen mit ihren letzten Klängen verschwand sie, so wie die Mauer in Tausend und ein Stücke gehackt und pulverisiert im Wind verwehte. Die Menge war still. In einem Nu war alles weg. Mauer weg, Rosa weg. Und still ging jeder zurück zu seinem Auto, seiner Haustür, in sein Wohnzimmer oder seine Küche. Und noch lange danach, sogar bis über den Rest ihres Lebens hinaus, war da die unauslöschliche Erinnerung an die Möglichkeit, die Möglichkeit eines Anfangs.

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