Gesellschaftliche Offensivkraft

theater winkelwieseAutorentheater in Zürich: Interview mit Stephan Roppel, Leiter des Theaters an der Winkelwiese

(fk) Biegt man in der Zürcher Altstadt kurz vorm Kunsthaus vom ansteigenden Hirschgraben rechts ab, steht man in einer kleinen Gasse unvermutet vor einem verträumten, parkähnlichen Garten und der klassizistischen Villa Tobler. In diesem schicken Ambiente hat das Theater an der Winkelwiese sein Domizil, das seit Anfang 2003 von Stephan Roppel geleitet wird. Seit den 50er Jahren wird hier in Rufweite des großen Schauspielhauses Theater gemacht.
Roppel hat das Haus als Autorentheater klar profiliert und bringt ausschließlich neue Dramatik heraus, oft als Uraufführung oder Schweizer Erstaufführung. Stücke von Heckmanns, Spycher, Brussig, Finger, Kelly, Grischkowez, Stocker, Buchsteiner, Freidig, Steinbuch, Janjic oder von Mayenburg wurden hier für ein Schweizer Publikum entdeckt. Mit dem Haus direkt verbunden ist das Autorenförderungsprojekt „Dramenprozessor“, bei dem AutorInnen während des Schreibprozesses eine enge theaterpraktische Begleitung erfahren. Das Projekt geht nun ins 10. Jahr. Anlass genug, dem Leiter des Hauses ein paar Fragen zu diesem eigenwilligen Programm zu stellen.

fk: Stephan, ihr habt in Zürich in den letzten Jahren neben neuer Schweizer Dramatik auch immer wieder zahlreiche Erst- und Uraufführungen deutscher, englischer oder auch russischer Stücke gemacht. Gibt es aus Deiner Übersicht und aus Deinen ganz unmittelbaren Erfahrungen mit dem Dramenprozessor einen spezifischen ästhetischen Zugriff Schweizer DramatikerInnen auf unser Zeitgeschehen? Wenn ja, wie ließe sich dieser beschreiben?

Roppel: Wir versuchen im Dramenprozessor das Bewusstsein zu schärfen für die ästhetische Verortung des Schreibens sowohl in Bezug auf die verschiedenen Strömungen der Gegenwartsdramatik als auch in Bezug auf die Schreibtraditionen, auf welche diese Strömungen aufbauen. Wie sich die Autoren da einordnen, ist sehr unterschiedlich und individuell. Wir unterstützen die Autorinnen und Autoren auf der Suche nach einer eigenen Sprache und halten sie dazu an, diese zu behaupten. Wie gut das gelingt, ist sehr unterschiedlich und hat mit handwerklichen Fähigkeiten, Schreiberfahrungen und Gestaltungswillen zu tun. Was mir auffällt, ist, dass die Dringlichkeit des gesellschaftlichen Konfliktes, in dem das Schreiben stattfindet, ein Faktor ist, der eine Rolle spielt. Es gibt in der Schweiz viele Autoren, die individuelle Themen wie Familie, Beziehung, Krankheit, Zukunftsperspektiven oder gar eine gewisse Saturiertheit der Gesellschaft, die hier zweifelsfrei vorhanden ist, thematisieren. Wir versuchen da Gegensteuer zu geben und legen den Fokus auf die Frage, ob die Stoffe der Autoren dringlich genug sind für das Theater. Man muss ja nicht aus jedem Satz, der in einer Beziehung schon mal gesagt wurde, Theater machen.

Es ist auch entscheidend, wie ausgeprägt bei den Autorinnen und Autoren die Fähigkeit zur Empörung bzw. der Hang zur Gleichgültigkeit ist – auch da gibt es große Unterschiede. Bisher haben sich Texte durchgesetzt, die eine gewisse Welthaltigkeit hatten und in denen ein subjektives Erzählen-Wollen spürbar war. Ich unterstütze jedenfalls solche Texte, bei denen für mich diese Offensivkraft, sich in gesellschaftlichen Fragen zu positionieren, spürbar ist. Es gibt auch Autoren, die sich durchsetzen, weil sie sich gut vermarkten. Das ist natürlich heute eine wichtige Fähigkeit, aber langfristig glaube ich an das erstere. Es wird sich weisen.

Ob das Fragen sind, die spezifische schweizerisch sind, ist für mich schwer zu beurteilen. Ich bin da wahrscheinlich zu nahe dran. Die Impulse kommen von verschiedenen Seiten: England, Russland, Deutschland etc. Es gibt aber Texte mit einer sehr eigenwilligen Form. Das hat vielleicht mit einem anderen Bewusstsein und einer anderen Distanz zur deutschen Sprache zu tun, weil wir hier ja alle noch Mundart reden. Besonders bei Berner Autoren gibt es da gute Beispiele. Da wird viel mit Lokalkolorit und Helvetismen gespielt. Das sind sicher Eigenheiten des Schweizer Theaters, die es an anderen Orten mit starken dialektalen Prägungen vergleichbar auch gibt, dort aber andere Erscheinungsformen hervorbringen. Aber ein entscheidender Unterschied ist das wohl nicht. Es gibt Autoren, die das kultivieren, andere tun es nicht, beides ist möglich. Es gibt sogar welche, die behaupten, Schweizer können sich nur in Mundart authentisch ausdrücken. Das halte ich für einen vollkommenen Blödsinn, rückwärtsgewandte Sprachpolitik, Mythenkitsch manchmal auch.

fk: Euer Haus liegt mitten in der Altstadt von Zürich. Wie setzt sich euer Publikum zusammen? Siehst Du die kleinen Dimensionen der Winkelwiese eher als Entlastung oder denkst Du, dass eure Produktionen auch in größeren Häusern ihr Publikum finden würden? Welchen Stellenwert genießt neue Dramatik in der Schweiz, wenn sich das überhaupt allgemein beantworten lässt?

Roppel: Unser Publikum ist mehrheitlich zwischen 30 und 50 Jahre alt, oft sind es Theaterschaffende, Studentinnen, wobei sich das in den letzten Jahren etwas verlagert hat. Die Gruppe von „normalen“ Theaterbesuchern, die nicht aus beruflichen Gründen ins Theater gehen, sondern ausschliesslich an unseren Inhalten interessiert sind, ist stärker geworden. Darüber bin ich sehr froh. Da ist eine Berührungsangst gegenüber zeitgenössischer Dramatik sehr viel kleiner geworden. Das Publikum will aber genau wissen, um welche Inhalte es jeweils geht. Für die Schauspieler ist es angenehm, vor Leuten zu spielen, die an der inhaltlichen Auseinandersetzung interessiert sind.

Die kleine Bühne ist sicher ein Segen inmitten der zürcherischen und gesamtschweizerischenTheaterlandschaft. Es ist hier besonders wichtig, sich ganz eindeutig zu positionieren und verlässlich und erkennbar vermitteln zu können, wofür man steht. Die Winkelwiese hat hier eine Nischenposition besetzt, mit der man die Vorstellungen füllen kann. Ob sich damit auch auf einer grösseren Bühne kontinuierlich ein Publikum fände, ist schwer zu sagen. Warum nicht? Das hängt dann wahrscheinlich auch von anderen Faktoren wie Werbung, personelle Vernetzung und Identifikation mit einem Ensemble ab.

fk: Ihr habt mit dem „Dramenprozessor“ ein vielbeachtetes Autorenförderungs-Modell entwickelt. Was ist euer Anspruch bei diesem Vorhaben? Hat er sich in den letzten Jahren erfüllt? Was sagst Du zu immer wieder laut werdenden kritischen Stimmen, die behaupten, gute Dramatik brauche keine Förderung, sondern entstehe auf „natürlichem“ Wege. Was sich nicht durchsetzt, sei halt zu schwach.

Roppel: Unbestreitbar ist doch, dass in den frühen Neunziger Jahren keine derart blühende Autorenlandschaft bestanden hat, wie das heute der Fall ist. Den Aufbau einer neuen Autorengeneration haben wir in der Schweiz mit dem Dramenprozessor wesentlich vorangetrieben. Dadurch hat sich manches verändert in der Theaterlandschaft. Die Berührungsängste mit Autoren haben sich verflüchtigt. Zumindest im Umfeld der Winkelwiese und in der freien Szene in der Schweiz ist das festzustellen. Auch wenn sich immer noch viele freie Gruppen um das Autorentheater foutieren, gibt es eine Strömung innerhalb des freien Theaterschaffens, die sich dafür interessiert. Es sind in den letzten zehn Jahren viele Nachahmerprojekte entstanden. Stadttheater sprangen auf den Zug der Autorenförderung auf, machen da und dort Autorentage etc. Mich interessiert dabei vor allem eins: Mit welcher Sorgfalt wird das in die Tat umgesetzt? Geht es um die Autorinnen und Autoren oder geht es um die Vernetzung der Institutionen? Oder gar um die Profilierung der Förderer selbst? Das muss jeder selber beantworten. Es lohnt sich genau hinzuschauen. Auch für die Autoren.

Man kann und sollte sich zum jetzigen Zeitpunkt aber die Frage schon stellen, was man mit dieser reichen Autorenlandschaft nun macht. Ein Zweitaufführungsfestival ist sicher eine nachhaltige konstruktive Intitiative. Vielleicht kommt nun die Phase, wo sich durchsetzt, was stark genug ist, das kann schon sein. Und dagegen ist auch nichts einzuwenden. Aber ich sehe da nicht unbedingt einen Zusammenhang zur Frage, ob Autoren Förderprogramme durchlaufen haben oder nicht. Es kommt mir auf jeden Fall kein Autor in den Sinn, der nicht in irgendeiner Form den handwerklichen Teil des Theaters, der für das Schreiben wichtig ist, hat lernen müssen. Nichts anderes machen wir beim Dramenprozessor. Wir bieten den Autoren eine theaterpraktische Zusammenarbeit.

Es gibt sehr viele Stimmen, die sich kulturpolitisch äußern und meistens stecken da ja Interessen dahinter. Wenn nun Leute die Autorenförderung als Ganzes in Frage stellen, bin ich misstrauisch. Ich denke, dass es sich lohnt, sich weiterhin für das Autorentheater einzusetzen – allein schon, weil sich in dieser Auseinandersetzung Inhaltliche und ästhetische Fragen stellen, die einen weiterbringen. Was es gebracht hat, den Aufbau einer Autorengeneration zu fördern, sollte man zu einem späteren Zeitpunkt beantworten. Auf jeden Fall bringt es mehr als die Anbiederung des Theaters an andere Erzählformen, die durch das Kino, das Fernsehen, Dokumentarfilme, Prosaliteratur etc. besser abgedeckt sind. Da bin ich überzeugt.

fk: Siehst Du die Gefahr, dass sich über ein quasi sozialdemokratisches Modell der Breitenförderung von Kunst der Markt für Dramatisches künstlich aufbläht? Entstehen derzeit nicht zuviele Stücke, die jenseits einmaliger „Entdeckungen“ kaum einmal eine Chance auf größeren Bühnen erhalten? Ihr seid kürzlich von einem jährlichen auf einen zweijährigen Rhythmus gegangen.

Roppel: Der Wechsel auf eine zweijährige Durchführung des Dramenprozessors hatte vor allem mit der Angst zu tun, die Sorgfalt zu verlieren und mit den Ressourcen, die der Winkelwiese zur Verfügung stehen, nicht verbindlich bleiben zu können. Der Dramenprozessor, das sind ja vor allem Arbeitsverhältnisse und in gewissen Fällen besteht natürlich der Wunsch diese fortzusetzen. Deshalb war es richtig, das Projekt nur noch zweijährlich durchzuführen. Die Qualität der Bewerbungen wurde übrigens seither auch besser. Ich finde da auch eine Verlagspolitik richtig, die nach strengen Kriterien die Autoren gezielt auswählt. Es entstehen viele Stücke, das stimmt. Das hat etwas Flüchtiges. Aber das betrifft übrigens nicht nur die Stücke. Es wird generell sehr viel produziert und Vorstellungen werden im Gegenzug zu wenig lang gespielt. Da hat sich offensichtlich die Mentalität geändert. Ich habe den Eindruck, dass es sich manchmal lohnen würde, mutigere Behauptungen aufzustellen und das eigene Publikum nicht zu unterschätzen. Die Bereitschaft sich auf Neues, auch auf zeitgenössische Dramatik einzulassen, ist viel grösser als man denkt. Diese Erfahrung habe ich jetzt auch wieder in St. Gallen gemacht, wo ich Jurymitglied bei den Autorentagen war und ein zeitgenössisches Stück inszeniert habe.

fk: Wie sieht die Begleitung der Autorinnen und Autoren konkret aus? Was haben sie neben einer finanziellen Förderung bei und von euch zu erwarten?

Sie erhalten eine umfangreiche Auseinandersetzung mit Theaterschaffenden aus den unterschiedlichsten Berufsgattungen und wir versuchen die Autoren in ihrer Stoffwahl und in ihrer Stückentwicklung kritisch zu begleiten, ohne sie in ein bestimmtes Schema zu pressen. Deshalb variiert das in der Durchführung auch immer ein wenig. Erik Altorfer und ich nehmen unsere Erfahrungen auch jeweils mit in den nächsten Dramenprozessor und versuchen unsere Arbeit zu optimieren. Wir machen viele Schreibübungen, lesen Stücke, arbeiten mit Schauspielern an den Texten, laden Gäste ein etc.

fk: Sieht man sich eure Spielpläne der letzten Jahre an, fällt auf, dass fast alle Stücke narrative Strukturen aufweisen. Ist das ein Zeichen einer bestimmten Winkelwiese-Schule? Hat diese deutliche inhaltliche Vorliebe Deines Hauses Auswirkungen auf eure Autorenauswahl für den Dramenprozessor?

Ja, das kann schon sein, dass ich da einen Hang zur Narration habe. Ich habe in der ersten Spielzeit die Behauptung aufgestellt, dass der Mensch eine Biographie hat, und das es in der heutigen Zeit ein politischer Akt ist, dem Menschen im Theater seine eigene Biographie zuzugestehen. Dem gebe ich immer noch den Vorzug vor Erzählweisen, welche die menschliche Zerrissenheit und seine mangelnde soziale Verortung formal abbilden durch mehrere Erzählebenen. Ich finde, die Dekonstruktion ist in der Theatersituation schon enthalten. Eine Winkelwiese-Schule würde ich das aber nicht nennen. Und in der Autorenauswahl sind wir sehr offen für jegliche Erzählformen. Aber die Autoren, die auf der narrativen Ebene stringent waren, haben bis jetzt im großen ganzen die erfolgreicheren Stücke geschrieben. Vielleicht ist der Vorgang der Identifikation halt doch wichtig, auch wenn das nicht jedem Theatermacher passt.

fk: Danke fürs Gespräch.

(www.winkelwiese.ch)

Einen Kommentar schreiben