täglich ein stück weiter

mit und zu neuer dramatik unterwegs. fortsetzung der kolumne mit einem mobilen erfahrungsbericht

(fk) lektürebedingungen am 14.5.09, 9.37 bis 15.20: in einem ice-abteil mit reservierung (wichtig!). unterwegs zu einer leseveranstaltung im südwesten. am fenster sitzt ein ostdeutscher professor mit glatze und einem arttypischen, schneeweißen bart. er beugt sich friedlich über ein buch über suprematismus, in dem viele kleine zettel stecken. ideale bedingungen also. eigentlich. ich greife zum ersten stück, dem neuen werk von f.z., das ich in ruhe lesen will, um striche vorzuschlagen. in braunschweig steigt ein serbischer (kroatischer?) mann mit der ausstrahlung eines jähzornigen kickboxers zu. kurz darauf erreicht ihn der erste anruf: „nein. nichts angekommen. was wo? ich war unterwegs. ich sitz nicht den ganzen tag da und warte auf post. hörst du? was? was soll ich sagen? sag du mir was. ja. sag ich ja. nichts angekommen. ich weiß nicht, wer lügt. du oder die post. bis montag? diese woche hast du gesagt. was soll ich sagen? ich glaube niemandem mehr. keinem“. er hat grußlos aufgelegt. funkloch? gesprächspartner erschossen? im stück von f.z. gehts um au pair-mädchen und –jungs aus osteuropa, die in deutschen restfamilien arbeiten wollen/müssen und dort subtilen zumutungen ausgesetzt sind. ein ohrenverstöpselter 18jähriger steigt zu, wirft sich neben den kickboxer mit migrationshintergrund in den sitz, startet seine playstation und macht sich so richtig breit, obwohl noch zwei andere plätze mit sicherheitsabstand frei wären. aus einer maxitüte fingert er schokonüsse, die er sich im fünf-sekunden-takt einwirft. offenmündig knackt er erst fettglasur, dann nuss. der kunstprofessor blickt von seinen schwarzen quadraten auf, wirft mir einen runzligen blick zu, in dem sich der kopfschmerz einer ganzen generation abzeichnet, wird aber nicht weiter aktiv. ich schlucke fortan unwillentlich jede nuss mit. nur der kickboxer, mittlerweile hat er ungesunde flecken im gesicht, reagiert und fragt den jüngling, ob der denn auch genug platz habe. der überhört ihn komplett und dreht die playstation lauter. wir vernehmen ein schweres schnellfeuergewehr. uniformierte (serben? mitschüler? professoren? lektoren?) zerplatzen im fadenkreuz seiner spielekonsole. ich lege das durchgelesene stück von f.z. strichlos beiseite. das nächste stück ist von einem französischen autor, eine wortmächtige stimmpartitur über moderne arbeitskämpfe. ohne jeden konkreten vorgang, ohne punkt und komma, reine textfläche, chorisch von der bühne zu schleefen. ein weiterer schneebärtiger mann, dieser aber mit langem haupthaar, steigt zu. er hat stark gerötete (verweinte?) augen und trägt einen unzeitgemäßen trenchcoat. dann sitzen sie tatsächlich einander gegenüber. eastbart starrt westmatte an. ich ärgere mich, dass ich keine kamera dabei habe. der langhaarige westprofessor verweigert den direkten blickkontakt. der andere gibt auf und widmet sich nach einer weile wieder herrn malewitsch und kollegen, stupst hin und wieder den jungen krieger an, ohne dass dieser irgendwie reagieren würde. oh hermetisch verkapselte jugend, achte auf deine zuleitungen! die salven krachen mit unverminderter gewalt in die feindlichen reihen. ich greife zum nächsten stück. eine farce über wellness-auswüchse. eine freundliche oma mit einem koffer, groß wie ein kinderpanzer, steigt zu. es dauert zehn minuten, bis sie nach einer unglaublichen verkettung von umständlichkeiten, schlecht geplanten bewegungen und genau platzierten schienbeintritten endlich vor mir platz genommen hat und ein wurstbrot zu mümmeln beginnt. salven peitschen, querschläger pfeifen, der exjugoslawe schnarcht, wen wunderts. im stück lösen zwei sadistische kosmetikerinnen eine riesige schnecke in einem giftbad auf und spülen sie durch den abfluss ins freie. kulturkritik? restutopie? als ich einmal kurz aufsehe, steht direkt neben mir vor der abteiltür eine frau, die auf dem zugklo versehentlich ihren hinteren kleidsaum ins strumpfhosenbündchen gesteckt hat. sie kommt nicht voran mit ihrer freigelegten rückseite, der gang ist mit frankfurter bankkaufmännern verstopft. jemand müsste ihr etwas sagen, denke ich, das problem direkt vor augen habend. sie kann doch so nicht durch den ganzen zug gehen. wenn mir etwas in dieser art passierte, würde ich auch erwarten, dass … – aber warum eigentlich ich? ich fasse einen entschluss, stehe auf, blut schießt unternehmungslustig in meine eingeschlafenen beine. ich schiebe mich raus auf den gang. ich habe einen plan. draußen rolle ich das wellness-stück scheinbar gedankenverloren zu einem festen papierrohr zusammen, nehme das so entstandene rettungsinstrument in die rechte hand, stütze mich damit dann betont unauffälig am abteilfenster ab, wobei ich in hüfthöhe ein stück stoff des hochgewurschtelten kleides wie zufällig einklemme. ich sehe mich um, niemand hat etwas mitbekommen. unbeteiligt sehe ich aus dem fenster auf die schöne kurpfalz (?) und halte den anpressdruck konstant. es dauert eine weile bis ich – nicht ohne einen anflug von stolz – ins abteil zurückkehren kann. sie ist losgegangen und hat sich mit einem kleinen ruck selbst befreit/bedeckt. mission accomplished. die waffen ruhen. der geruch einer frisch gepellten banane hat sich mit dem feinem kalbsleberwurstduft zu einem asiatischen aroma verquickt. alles ist in ordnung!

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