Theaterförderung statt Autorenförderung?

Rolf Kemnitzer, Dramatiker und Co-Initiator der “Battle-Autoren”, hat sich Gedanken zum geplanten Autorenförderungs-Symposion der Berliner Festspiele gemacht.

Hier sein neuester Beitrag: “Für eine Theaterförderung. – Noch nie wurden so viele Dramatiker geschult und so viele Schreibtalente präsentiert. Auf den Spielplänen aber verdrängen „Projektpräsentationen“ die Theatertexte. Da sich Regisseure mehr und mehr als die eigentlichen Theaterautoren verstehen, bringen sie immer öfter Film- und Romanbearbeitungen auf die Bühne. Sie finden in neuen Dramen selten die Komplexität und Welthaltigkeit, nach der sie suchen. Die Dramatiker wiederum stöhnen oft über die Umsetzung ihrer Texte und über das sich immer rascher drehende Uraufführungsrad. Ex und hopp ist die Devise und so kommt es immer seltener zur Zweitaufführung. Geradezu verrückt wird es, wenn die Autorenmärkte, die Laufstege der neuen Dramatik, sich gegenseitig ihre „Entdeckungen“ abwerben. Oder wenn manche jungen Dramatiker fünf Autorentage bereisten, ohne daß ihr Stück aufgeführt wurde.

Auch auf Theaterseite ist inzwischen klar, daß nicht alle gutgemeinten Bemühungen um das zeitgenössische Stück auch sinnvoll sind. Das Bewußtsein wächst, daß etwas getan werden sollte, aber was? Ein Ausschuß des Bühnenvereins hat die Battle-Autoren eingeladen, ihre „Erklärung“ (siehe dramablog.de) zu diskutieren. Dabei war großes Interesse an der Sache der Autoren spürbar, aber daß vor allem das Theater hilfsbedürftig sei, daß es sich verändern muß, wenn es wahrhaft zeitgenössisch werden will statt nur mit dem Zeitgeist zu gehen, diese Meinung erschien den Versammlung von Intendanten wohl als naive Frechheit. Nun organisieren die Berliner Festspiele mit dem Bühnenverein im nächsten Herbst ein Symposion mit dem Arbeitstitel „Entdecken, fördern, spielen – Die Zukunft der Dramatikerförderung“. Eine wertvolle Initiative!

Aus Sicht der Battle-Autoren geht es vor allem darum, das Vorhaben nicht in Gesprächen versanden zu lassen, sondern konkrete Maßnahmen zu finden. Unserer Meinung nach wäre vor allem eine Diskussion der Gepflogenheiten auf dem Dramenmarkt sinnvoll. Die Defizite der neuen Stücke, also das Kleinteilige, das ästhetische Aufhübschen von Inhaltsleere, die Monologisiermode, der flache Schnelltext usw. resultieren vor allem aus den Gesetzen, die auf diesem Dramenmarkt herrschen. Dort haben Dramaturgen, Preisjurys und Feuilletonisten das Sagen (also die größten Kritiker jener Defizite) und erst sehr vermittelt das Publikum.

Dramatiker und Autorentrainer Oliver Bukowski z.B. beschreibt die Lage von Dramatikern so: „Sogar durchgesetzte Autoren, die Preise bekommen haben und produktiv sind, können nicht einmal ansatzweise davon leben, weil die Bühnen in ihrem Innovationswahn nicht nur das neue Stück verlangen, sondern dazu auch gleich den neuen Autor, den sie sich weidmännisch an den Hut stecken können.“

Heute entstehen die meisten Stücke über Aufträge von Dramaturgien. Das hilft den Autoren zu überleben und bringt sie näher an den Produktionsprozeß. Doch die Bedingungen für diese Aufträge sind offenbar nicht immer günstig. So fragte Peter Michalzik kürzlich anläßlich der Uraufführung eines Auftragsstücks: „Warum eigentlich müssen die Theater immer öfter daran arbeiten, unfertigen Stücken erstmal eine spielbare Form zu geben? (…) Es ist überdeutlich, dass es hier eines Lektors bedurft hätte.“ Wie also können Dramaturgie, Autoren und Verlage produktiver zusammen arbeiten?

Nicht selten hört man Dramaturgen klagen, sie kämen nicht dazu, Stücke zu lesen und in der Tat: von den Auftrags-Uraufführungen abgesehen sind die Spielpläne landauf landab seltsam konform. Wird da voneinander abgeschrieben? Was könnte den Dramaturgen mehr Lesezeit verschaffen?

Wie macht man die Hierarchie in den Theatern flacher, so daß z.B. Regisseure sich mehr als Partner der Autoren verstehen? Warum neigen Dramaturgen zu jungen Autoren und zu Laborveranstaltungen? Wie wär’s z.B., wenn Autoren mal Werkstatttage für Regisseure und Dramaturgen leiten würden? Wie könnte das aussehen?

„Schadet den Schriftstellern! Hungert sie aus!“ In der FAZ machte Oliver Jungen letztes Jahr den Vorschlag, Autoren zu armen Wölfen zu machen, weil die vielen Stipendien und Preise sie in satte Schafe verwandelt hätten. Dazu stellte sogar der Bühnenverein in einer Ausschußsitzung ernsthafte Erwägungen an. Die Frage ist, ob das ganze Theater samt Kritik inzwischen zu einem riesigen Schaf geworden ist, das nur durch Subventionskürzung wieder zum bissigen Wolf werden könnte. Vielleicht sollten alle Theaterschaffenden und Kritiker mal ein Jahr lang von dem Einkommen leben, das ein Autor mit einer Uraufführung, drei Nachspielungen und einem Stipendium durchschnittlich verdient.

Vor allem geht es darum, vom Gerede um die Finanzen wegzukommen. Geld ist wichtig, aber nicht das Wichtigste. In Deutschland glaubt man oft, alle Probleme mit Geld lösen zu können. Autorenförderung aber heißt nicht Autorenfütterung.

Es wäre schön, wenn die Debatte um die neue Dramatik in offener Atmosphäre stattfinden könnte, in der jeder bereit ist, seine Arbeitsstrukturen, seine Gewohnheiten und Wahrnehmungsweisen in Frage zu stellen, statt Sachzwänge und die Verantwortlichkeit von anderen vorzuschieben oder nach dem Geldesel zu rufen. Das gilt auch für die Autoren. Es ist spürbar, daß viele Verantwortliche etwas verändern wollen. Jetzt gilt es, konkrete Maßnahmen zu finden, die von den ausgetretenen Wegen abweichen.”

Einen Kommentar schreiben