Die Freiheit kostet Geld

christoph nix / theater konstanz(fk) Ein Interview mit Christoph Nix, Intendant am Theater Konstanz, über konfliktgeladenes Welttheater in der südwestdeutschen Idylle, regionale und überregionale Wirkungen und über Lohn und Preis der Freiheit.

Spielzeitschwerpunkt Russland: Mit 17 Premieren und einem Festival neuer russischer Dramatik setzt der seit 2006 amtierende Intendant Christoph Nix ein auch von Ferne sichtbares Ausrufezeichen über die zu Lande, Wasser und in der Luft schwer erreichbare Bodenseestadt. Was hat ihn und sein Team zu diesem russischen Spielplan-Roulette bewogen? Mit diesem Kurzinterview setzen wir unsere kleine dramablog-Reihe über Theater mit innovativen Spielplänen fort.

fk: Lieber Herr Prof. Dr. Nix, Sie beschäftigen sich am Theater Konstanz in der laufenden Spielzeit auf allen Spielstätten des Theaters und aus verschiedensten Autoren- und Regie-Perspektiven ausschließlich mit dem Thema „Russland“. Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren einen Spielplan gesehen zu haben, der sich so konsequent auf ein einziges großes Themenfeld konzentriert. Im Vergleich mit gängigen Stadttheater-Spielplänen wirkt der Konstanzer Ansatz geradezu radikal. Sind sie für dafür vom ansässigen Abo-Publikum gehörig bestraft worden oder lassen sich die Konstanzer zur Begegnung mit einer anderen Lebenswelt verführen? Warum ist in Konstanz möglich, was anderswo als nicht machbar gilt?

Nix: Das Theater Konstanz ist sicherlich das einzige, deutsche Theater, das über ein Jahr lang einen russischen Spielplan präsentiert, einen Spielplan, der das Denken und die Verzweiflung eines ganzen Kontinents und vor allem des letzten Jahrhunderts der Revolution versucht einzufangen, abzubilden und zu verfremden, das Jahrhundert des Terrors und der Utopie.
Konstanz ist eine liberale Stadt, verzeihen Sie, aber nicht vergleichbar mit Kassel, dennoch haben wir Zuschauer verloren, einige Abos würden gekündigt, manche wollen keinen Krieg mehr sehen und doch ist er ja um uns.
Zugleich gibt es viel Lob, denn wir haben mit russischer Dramatik, in einem Teil der Republik, der ja 1945 nicht einmal von den Russen besetzt war, versucht, fremde Lebenswelten zu zeigen, besser erspürbar werden zu lassen.

fk: Neben bekannteren und unbekannteren russischen Werken (von Tschechow, Bulgakow, Lem, Pasternak, Wassiljew, Erdman u.a.) zeigen sie auch auf der großen Bühne Stücke, die nur einem kleinen Teil ihres Publikums ein Begriff sein mögen (Stücke von Wyrypajew, Hinkelbein, Holliger, Grischkowez u.a.). Darunter im großen Haus auch vier Werke zeitgenössischer russischer und deutscher Autoren. Vier weitere neue Stücke sind in der Werkstatt zu sehen. Ist Ihnen die in deutschen Stadttheatern verbreitete Sorge um Auslastungszahlen schnuppe? Wie schaffen Sie es, das Abo-Publikum für Unbekanntes, Neues, Ungesehenes zu interessieren? Braucht es dazu einen besonderen Aufwand? Sind Widerstände zu überwinden?

Nix: Wir haben in den ersten beiden Jahren meiner Intendanz, einen unglaublichen Publikumszuspruch gehabt, wir hatten Zuwächse von über 25 %, die Badener erkennen zum Beispiel wirklich an, wenn man fleißig ist und mit Enthusiasmus dabei, aber damit meine ich tatsächlich das Stammpublikum, zwar kommen auch die Slawisten jetzt öfter ins Theater, aber die Uni Schickeria geht eher nach Zürich.
Die Auslastungszahlen können uns nicht schnuppe sein, in einem kleinen Haus bedeutet ein Rückgang von 15000 Zuschauern, womit ich rechne, knapp 200.000 Euro, die anders einsparen muss, hoffe einzusparen, also die Freiheit kostet immer und unmittelbar Geld.
Wir haben vor allem eine unglaubliche theaterpädagogische Arbeit in den Schulen, 3 Theaterpädagogen, 6 Jugendclubs, Kidclubs, Tanzclubs, die zwar alle noch mehr ins bürgerliche Theater gehen könnten, aber auch eine stabile Basis sind.
Insgesamt müssen wir mehr begleitende Veranstaltungen machen, das kostet Kraft, aber wir haben die Unterstützung des gesamten Gemeinderates von der Linkspartei bis zur CDU und Freien Wählern, ich bin in der Russenspielzeit einstimmig verlängert worden und das tat gut.

fk: Warum ausgerechnet Russland? Was haben die russischen Verhältnisse mit uns zu tun?

Nix: Zunächst einmal wegen der Literatur, ja wirklich, weil ich wieder angefangen hatte Gogol, und Gorki, Turgenjew zu lesen, es ist die Literatur eines Kontinents. Zum anderen habe ich ja nach der Wende am BE 1990 gearbeitet und noch ein paar tolle alte Leute wie Horst Hawemann kennengelernt, also Dissidenten der DDR, die dennoch und gerade die russische Kultur verteidigt haben.
Die Russen waren seit meiner Kindheit die Bedrohung unserer Väter und Großväter und später für mich als Junge, war Russland die Revolution, bis, ja bis Lenin sie verraten hatte und der Terror begann und die ganze Idee für immer diskreditiert war. Unsere Spielzeit ehrt und gräbt die Opfer des Leninismus und Stalinismus aus.
Von den Russen jetzt lernen, heißt, zivile Gesellschaft verteidigen, Demokratie als Bestandteil sozialer Utopien unverzichtbar machen und heißt die kleine Opposition zu stützen, die es dort gibt.

fk: Gibt es Reaktionen aus Russland oder von russischen Theaterbesuchern? Gibt es einen Austausch mit russischen Kollegen? Wenn ja, wie wirkt das auf Haus und Ensemble zurück?

Nix: Einmal kommen endlich die Russen ins Theater, wenig, zaghaft aber mehr denn je, ich spreche, von Emigranten und Aussiedlern, die hier unglücklich sind und noch ihr Glück suchen, dem russischen Botschafter ist das Projekt suspekt, der Kulturattaché war hier und Autoren wie Grischkowitz und die Ukariner. Leider fehlt uns zu mehr Austausch das Geld, das ist so, leider ist es so. Eigentlich waren die Russen richtig hier zum Festival und da entstehen die schönen kleinen Begegnungen.

fk: Konstanz ist ja fast schon Schweiz bzw. Österreich und für die allermeisten Nicht-Konstanzer nicht gerade einfach zu erreichen. Ist die idyllische Insellage Vor- oder Nachteil für eine Ensemblearbeit? Wird das Konstanzer Programm überregional wahrgenommen? Planen Sie Gastspiele ihrer Produktionen in der restlichen Bühnenrepublik?

Nix: Wir sind hier an einem herrlichen Ende der Welt, alles ist nah und fern zugleich, ruft man bei der Frankfurter Rundschau an, sind die genervt wegen der schlechten Zugverbindungen, die Kollegen von der Welt werden jetzt über die Russenspielzeit berichten, wie immer sind die linksliberalen, wie die taz verpennt, die kriegen uns nicht mit, aber die Rebellionen beginnen immer an den Rändern, auch im global play, da liegt ja auch Davos, eine Autostunde von uns, da treffen sich die sinnentleerten Weltgestalter ohne Utopie, oder nur mit einer eigenen, also betreiben wir hier Sinnstiftung. Ob sie was nützt, wissen wir nicht, es gibt mittlerweile auch Russenspielzeitgegner, wenige freilich.

fk: Herr Nix, Sie haben in ihrem „Bekenntnis 2011“ gleich zu Beginn Ihrer Intendanz die Beschäftigung mit neuer Dramatik ganz nach oben auf Ihre Prioritätenliste gesetzt. Warum sind Ihnen neue Stücke wichtig, wenn sich das Theater wie andernorts üblich doch möglicherweise leichter mit bekannten Namen und Werken füllen ließe?

Nix: Ich finde, älter werdend, dass jede Generation das Recht hat, die Welt neu zu interpretieren, auch wenn wir sie nicht verändern konnten.

fk: Werden Sie die auf ein bestimmtes großes Thema fokussierte inhaltliche Auseinandersetzung am Theater Konstanz in den nächsten Spielzeiten fortsetzen oder kann man sich eine Spielzeit wie die russische nur alle paar Jahre leisten?

Nix: Kann man sich tatsächlich nur in Zyklen leisten, zumindest wir, die andern in den großen Städten könnten öfter, viel öfter. Nach unserem Kassensturz sehen wir weiter, die nächste Spielzeit heißt „Unruhige Zeiten“ – dann wäre Amerika dran, nicht als Länderkunde, sondern als andere Utopie, das Land, das vom Westen her auf die Weltengemeinschaft gedrückt hat und anders gelitten haben mag in den Slums und die anderen in der Welt dafür leiden ließ. Wir werden sehen, wie weit Obama die Welt verändert.

Lieber Herr Nix, vielen Dank für das Gespräch.

(Hier gehts zum Konstanzer Spielplan: www.theaterkonstanz.de)

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