“Wir arbeiten dran.”

simone sterr / theaterkanalEin Interview mit Simone Sterr, Intendantin am Landestheater in Tübingen – über Spielplanpolitik und neue Dramatik

(fk) Wir können auch anders! – auch so könnte der Titel des Gesprächs mit Simone Sterr lauten. Seit 2005 leitet sie das Landestheater in Tübingen (LTT). Dort, im beschaulichen Württembergischen, traut man sich was und hat noch dazu Erfolg mit einem ungewöhnlich hohen Anteil neuer dramatischer Werke im Spielplan (50%). Wir haben einmal nachgefragt, warum in der Region möglich ist, was andernorts oft als aussichtslos beschrieben wird.

dramablog: Liebe Frau Sterr, der Spielplan des Landestheaters Tübingen weist im landesweiten Vergleich überdurchschnittlich viele Inszenierungen neuer Dramatik auf. Während anderswo gerade einmal 20% üblich sind, kommen Sie in Tübingen in der aktuellen Spielzeit auf die Hälfte aller Inszenierungen. Neben klassischen Werken von Goethe, Ibsen, Kleist und Büchner und einer eigenen Shakespeare-Bearbeitung zeigen Sie beispielsweise Stücke von Laura de Weck, Ulrike Syha und Bettina Erasmy. Gerade hatte Reto Fingers Adaption eines zwanzig Jahre alten schwedischen Stückes über den Themenkomplex Sterbehilfe Premiere. Im Spielplan steht ebenfalls die Folge-Inszenierung eines modernen tschechischen Stückes. Die ungewöhnlich starke Hinwendung zur Neuen Dramatik ist sicher keine zufällige Tendenz. Welches Programm steckt dahinter?

Simone Sterr: Was uns treibt ist die Neugier auf Texte, Inhalte, Autoren. Ist die Lust, nach Formen, nach Sprachen zu suchen, die Themen und Geschichten für unsere Zeit, unsere gesellschaftliche und politische Wirklichkeit vermitteln können. Da landet man dann automatisch bei einem Spielplan, der viele Jetzt-Zeit-Autoren behandelt. Eine Quote gibt es da bei uns nicht. Wir lassen uns von den Inhalten leiten, die uns interessieren und für die wir unser Publikum interessieren wollen.

dramablog: Theaterleute argumentieren immer wieder auch mit mangelndem Interesse des Publikums an neuer Dramatik. Welche Erfahrungen machen Sie in Tübingen mit eher unbekannten AutorInnen und ihren Werken? Überwiegen Neugierde oder Abwehr? Ist das Publikum in Tübingen ein besonderes oder halten Sie das Tübinger Modell für übertragbar?

Simone Sterr: Das Publikum ist besonders. Es geht, vielleicht in höherem Maße als anderswo, den Ansatz mit, dass Theater nicht nur die variierte Reproduktion eines Kanons möglicher Vorlagen ist, sondern dass es um Entdeckungen geht, um Fremdes, Neues, was in der einmaligen Begegnung zwischen dem Theater und seinem Publikum erfahren wird. Wir haben es hier weniger mit ganz konkreten Vorstellungen und Erwartungen zu tun, wie ein Stück zu sein hat. Sicher auch, weil wir viele Stücke spielen, die nicht so bekannt sind. Und das gilt bei uns nicht nur im modernen, sondern auch im klassischen Bereich. Es gibt nicht viele Leute, die DER WALDSCHRAT von Tschechow kennen, es gibt nicht viele Theater, die 1913 von Carl Sternheim spielen usw. Das heißt es gibt auch keine genau formulierte Erwartung an diese Stücke. Und wenn Sie über das Stadium „Kenne ich nicht, gehe ich nicht hin“, hinauskommen, haben Sie es mit einem offenen, neugierigen Publikum zu tun. Und wir kommen hier in Tübingen verhältnismäßig oft über dieses Stadium hinaus.

dramablog: Bedarf es eines besonderen Aufwandes, beispielsweise in der Öffentlichkeitsarbeit, um Ihr Publikum in Inszenierungen noch kaum bekannter Werke ins Theater zu locken?

Simone Sterr: Ja. Wir müssen diesen Spielplan intensiv vermitteln. Und das bringt uns auch manchmal an die Grenzen des Leistbaren. Wir versuchen am Abend der Vorstellungen sehr präsent zu sein. Allabendliche Stückeinführungen der Dramaturgie, Gesprächsbereitschaft nach der Vorstellung usw. Wir laden zu lockeren Veranstaltungen im Vorfeld einer Inszenierung ein. Wir bringen alle 6 Wochen nicht nur die übliche Werbebroschüre heraus, sondern machen eine aufwendige Zeitschrift, in der wir Themen, Hintergründe, Schwerpunkte unserer Arbeit beschreiben. Wenn möglich unter Mitwirkung von in Tübingen lebender und lehrender Experten. Wir versuchen komplexe Inhalte attraktiv, ausgefallen und mit Humor zu vermitteln. Unser Spielplan sieht vielleicht ein wenig sperrig aus. Aber wenn man genauer hinsieht, machen wir eine sehr lustvolle, lebendige und nahbare Arbeit.

dramablog: Wie sind ihre Erfahrungen mit neuen Werken auf großen bzw. kleineren Bühnen? Bekommen bei Ihnen neue Stücke auch in den größeren Spielstätten eine Chance?

Simone Sterr: Neue Stücke auf der großen Bühne. Ganz wichtig! Die Zeitgenossen dürfen nicht nur in den Nebenspielstätten, Werkstattbühnen und bei den einmaligen, werbewirksamen Festivals zu sehen sein, sondern sollten fest in den Spielplänen verankert sein. Das heißt Abo, das heißt große Bühne, das heißt lange Laufzeiten. Natürlich schafft das nicht immer die Platzausnutzung, die man sich im freien Verkauf wünscht aber die Absicherung durch das Abonnement schafft auch verlässliches Publikum für diese Stücke. Wenn man 5 Mal im Jahr eine Uraufführung oder ein neues Stück auf der großen Bühne macht hat man irgendwann natürlich keine Abonnenten mehr. Wir haben durchschnittlich 2 solche Positionen (von 7). Das geht das Abo gut mit.

dramablog: Wie wichtig sind für Sie in Tübingen Ur- oder Erstaufführungen? Sie zeigen auch Folge-Inszenierungen von anderswo bereits gespielten Werken. Welchen Einfluss hat das überregionale Feuilleton auf Ihre Spielplan-Entscheidungen?

Simone Sterr: Wie gesagt, uns leiten Inhalte und gute Stücke. Das Label Ur- oder Erstaufführung ist da zweitrangig. Natürlich freut man sich, wenn das zusammenkommt, also wenn ein Stück der Diskussion über seine Qualität, seine Relevanz, seine Notwendigkeit, inszeniert zu werden, standhält und dann auch noch eine Ur- oder Erstaufführung ist. Vom überregionalen Feuilleton wünscht man sich, dass es unsere Arbeit in Gänze wahrnimmt und dazu gehören eben auch die Wiederentdeckungen, die „konventionellen“ Vorlagen, die nachgespielten modernen Stücke, die Art, wie wir Schauspieler/innen auswählen und nicht nur die vermeintlichen Highlights, die den Stempel Erst- oder Ur- Aufführung haben.

dramablog: Einmal angenommen, Sie müssten sich um Auslastungszahlen überhaupt keine Gedanken machen: Wie sähe dann ihr Spielplan aus? Enthielte er mehr oder weniger neue dramatische Werke?

Simone Sterr: Ein Theater ist kein Theater ohne Publikum und in so fern hinkt das Spielchen ein bisschen. Ein Theater ausschließlich mit Neuer Dramatik zu bestücken kann ich mir persönlich nicht vorstellen. Zu viele neue Dinge gibt es bei den alten, den in Vergessenheit geratenen Texten, zu entdecken. Woanders als hier in Tübingen, wo die Welt ja noch recht heil ist, wo bestimmte Zuspitzungen der Gesellschaft einfach gar nicht oder kaum vorkommen, sähe unser Spielplan vielleicht etwas anders, rauer aus. Würden wir auf jeden Fall andere Themen, andere Stücke auswählen. Man denkt ja von dem Ort aus, an dem man gerade ist. Und hier gibt es eben noch ein Bürgertum, hier wird der Fahrradhelm aufgesetzt, der Müll rechtzeitig und gut getrennt rausgestellt. Hier wohnt man in WGs, malt seinen VW-Bus an und duzt den grünen Oberbürgermeister…

dramablog: Immer wieder wird eine mangelnde Relevanz neuer Stücke beklagt. Können Sie das aus Ihrer Sicht bestätigen? Gibt es gegenwärtig zuwenig wesentliche AutorInnen und Stücke? Oder zu viele?

Simone Sterr: Ich begreife es als ein großes Glück in Deutschland öffentlich gefördert Theater machen zu dürfen und finde Jammern und Sich-Beklagen grundsätzlich langweilig. Nicht jede Uraufführung ist ein tolles Stück und nicht jedes Theater muss sein. Aber es gibt genug Stoffe, genug Autoren, die die Grundlage bilden auf dem Theater Wesentliches, Relevantes zu erzählen. Es gibt großartige zeitgenössiche Autoren, wo man doch jetzt schon um ihre zukünftige Klassizität weiß. Simon Stephens oder Dea Loher. Das sind doch wahnsinnig gute Texte. Und eine ganze Latte junger Autoren, die interessante, spannende, überraschende Stücke schreiben gibt es doch. Die Gier nach Ur- und Erstaufführungen, angefeuert vom Feuilleton, das halt nur dann kommt, wenn dieses Etikett an einem Stück klebt, führt sicher auch zu einer Überfülle an Produktion, an Festivals, an Foren für Neue Dramatik. Da ist dann halt auch ne Menge Ausschuss dabei. Aber das gehört doch zum Theater. Wir probieren Vieles aus und letztlich sichtbar wird ein Bruchteil und davon ein Bruchteil hat dann die Qualität, um die es wirklich geht, die einen komplett glücklich macht. Ist eben selten. Wir arbeiten dran.

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