Faust? Winnetou? Oder Sommernachtstraum?

Ein Jahr dramablog / kurze Rück- und Vorschau (plus Preisausschreiben!)

(fk) Was bisher geschah: Ende des 18. Jahrhunderts erfindet ein umtriebiger französischer Uhrmacher und Musiklehrer nicht nur die Komödienfigur eines pfiffigen Frisörs, sondern ganz nebenbei auch das literarische Urheberrecht. Seit dieser Manifestation von Autorenansprüchen: Gezänk ohne Unterlass. Bis heute – bis zu diesem eigenartigen Blog über “Neue Dramatik”. Aber worum wird hier eigentlich so penetrant gestritten? Und wen interessieren Themen wie: mehr oder weniger schlecht bezahlte AutorInnen, nicht oder zuwenig gespielte Stücke, die Dominanz des Regietheaters, fehlende Hausautorenschaften, verschnarchte Spielpläne und, nicht zu vergessen, Krise oder Qualität der Neuen Dramatik? (*1)

Was auch geschah: Im Sommer 2007 verschicken drei AutorInnen ein freundlich formuliertes Flugblatt in die Theaterrepublik. Unter der Überschrift “Uns pflegen heißt euch pflegen” bitten sie höflich kämpferisch u. a. um angemessene Honorierung, mehr Folge-Inszenierungen, mehr Hausautorenschaften und überhaupt eine offene Diskussion der Probleme von TheaterautorInnen. Parallel entwickelt sich eine Debatte in “Theater heute”, in deren Folge dieser Bog entsteht – als Angebot zur öffentlichen Diskussion eines komplexen Spezialistenthemas.

Es ist zurecht darauf hingewiesen worden, dass die hier im dramablog seitdem formulierten Forderungen, Fragen und Vorschläge nicht gänzlich neu sind. Ähnliche Diskussionen hat es in den letzten Jahrzehnten immer wieder gegeben, im Osten wie im Westen. Anscheinend gehts um beharrliche Probleme, die noch dazu schwer vermittelbar sind. Oft spielen sich die Auseinandersetzungen in Fachkreisen ab. Wie sollte es anders sein? Die große Öffentlichkeit ist mit dem Nischenthema “Stellenwert neuer Dramatik” nicht zu erreichen (wohl aber mit Neuer Dramatik). Ein Beispiel: Mitte der 70er Jahre gelang dem Bühnenverlegerverband mit der Einführung einer “Regelsammlung” die Durchsetzung neuer Mindeststandards in der Tantiemiesierung neuer Stücke. Ein stiller Etappensieg, von dem mittlerweile Generationen von AutorInnen profitieren. Unablässig streiten die Kommissionen des Bühnenverlegerverbandes seit Jahrzehnten mit den Vertretern der “Verwerter” um eine Verbesserung des Erreichten – weitgehend unbemerkt. Selbst manche Autoren, die sich zum Thema äußern, haben mitunter nur wenig Ahnung von bzw. Interesse an dieser Materie, ist mitunter zu merken. Ihre Berufung ist ja auch eine andere, ließe sich dagegen einwenden.

Zu Fragen bleibt: Hat sich Situation gerade der nachrückenden AutorInnen im etablierten deutschsprachigen Theatersystem in den letzten Jahren grundsätzlich verbessert ? Hat sich das deutsche Stadttheater in seinen Beziehungen zur Neuen Dramatik tatsächlich reformiert, wie es das oft von sich selbst behauptet? Der aufschlussreiche Band “Autorentheater” über den ersten Kongress der Theaterautoren im Mai 1993 in NRW (*2) ist längst vergriffen. Dort ließe sich nachlesen, welche Positionen schon damals anscheinend unvereinbar einander gegenüberstanden. Was ist aus den ambitionierten Autoreninitiativen UAT (Uraufführungstheater) und TNT (Theater neuen Typs) geworden, die Ende der 90er Jahre mit vehementen Forderungen nach Gründung eines Autorentheaters auf sich aufmerksam machten (unter ihnen Autoren wie Simone Schneider, Oliver Bukowski, Daniel Call, Thomas Oberender, Theresia Walser und Moritz Rinke)? Auch die “Battle-Autoren” um Katharina Schlender, Rolf Kemnitzer und Andreas Sauter sind erst einmal bei Lese-Veranstaltungen im vom Abwicklung bedrohten Orphtheater gelandet. Ein Autorentheater scheint auch für 2009 noch nicht in Sicht. Wo geht er hin, der Schwung?

Der dramablog (lieber gleich virtuell geblieben!) nimmt sich hier erst einmal nur vor, ein weiteres Jahr dranzuhängen: Und zwar als möglichst unaufwändiges/unkompliziertes öffentliches Diskussionsforum über Neue Dramatik, alle paar Tage in Kaffeepausen und am lauschigen Feierabend mit neuen Beiträgen bestückt. Künftig soll es jenseits der “gewerkschaftlichen” Debatte auch um mehr Inhalte gehen. Wir werden eine Bestandsaufnahme der verschiedenen aktuellen Autorenförderungsmodelle versuchen, die Rolle der Verlage stärker beleuchten und uns den Theatern widmen, die mit einer ungewöhnlich hohen “Neuen-Dramatik-Quote” Erfahrungen gemacht haben. Es soll aber auch mehr um starke Stücke und ihre AutorInnen gehen.

Kommen wir zum Wesentlichen – zum Preisauschreiben: Vor wenigen Wochen veröffentlichte der Deutsche Bühnenverein seine neue Jahreschronik “Wer spielte was?”, welche Inszenierungs-Statistiken über die zuletzt untersuchte Spielzeit (2006/2007) enthält. Hier die Preisfrage:

Welches der drei folgenden in der Werkstatistik verzeichneten Schauspielwerke erreichte in der Spielzeit 2006/2007 in Deutschland die höchsten Besucherzahlen?

a) Faust I / Goethe
b) Winnetou I / Dramatisierung nach May
oder c) Ein Sommernachtstraum / Shakespeare

Zu gewinnen gibts wahlweise zwei Freikarten für KEAN/DIE HAMLETMASCHINE in der Volksbühne oder (z.B. für Nicht-Berliner) einen von Ingrid Lausund handsignierten Band ihres Buches “Bin nebenan – Monologe für zuhause” oder ein neuwertiges Dartboard inklusive Wurfpfeilen. Berücksichtigt werden Kommentare bzw. Einsendungen (an fk@henschel-schauspiel.de) mit der richtigen Lösung, die uns bis spätestens 15.12.2008 erreichen. Soviel sei schon verraten: Es waren knapp 250.000 Zuschauer.

Und jetzt viel Spaß bei “Kommissarin Lund”. Meine Vermutung ist ja: Es gibt keinen Täter, stattdessen werden die Macher in der letzten Folge zugeben, sich in den zahllosen ausgelegten Spuren hoffnungslos verlaufen zu haben …

……………..

(*1) Kommentare sind nach anfänglichen Aufgeregtheiten über die Monate seltener geworden – wie in jedem neuen Blog üblich. Die Leserschaft hat sich (laut SlimStat-Zählung) bei durchschnittlich 2.500 “Hits” bzw. bei über 300 “Visits” (also qualifizierten längeren Lektüre-Aufenthalten) pro Woche eingependelt (was ich eher erstaunlich finde).

(*2) Erster Kongress der Theaterautoren (20.-22.5.1993), Hrsg. von Josef Mackert und Wolfgang Storch, Alexander Verlag Berlin, 1993.

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