53. Wurf: Amerikanischer Schwerpunkt in Bonn

Sommerpausenspielzeitcheck mit Pfeil und Bühnenjahrbuch / Stichprobe 6

(fk) Ich bin nicht zufrieden mit der Entwicklung meiner Wurfkünste. Eigentlich sollte es ja Konstanz treffen. Dort unten am Bodensee tut sich nämlich auch in der nächsten Spielzeit Erstaunliches (www.theaterkonstanz.de). Aber geschummelt wird nicht: Zuletzt erwischte es Bonn… Am Schauspiel Bonn kämpft man nicht erst seit Beginn der Intendanz von Klaus Weise um Planungssicherheit, Publikum, überregionale Aufmerksamkeit und eine neue Balance. Ein Haus, das zwischen die Epochen geraten ist. Seit Jahren sieht man sich dort von immer neuen Sparplänen bedroht. Johann Kresniks Tanzsparte und die Bonner Biennale, die in diesem Jahr noch einmal mit einem Türkei-Schwerpunkt stattfinden konnte, fielen bereits unfreiwilligen Kürzungen zum Opfer.

Der aktuelle Spielplan weist folgende Schauspiel-Neuproduktionen für die kommende Spielzeit aus (leider noch ohne Spielstättenangaben auf der Homepage des Bonner Theaters):

- Die Glasmenagerie / Tennessee Williams (moderner US-amerikanischer Klassiker)
- Tasmanien / Fabrice Melquiot (frz. Gegenwartsautor)
- Don Karlos / Schiller
- Meisterdetektiv Kalle Blomquist / auf der Familienstück-Position (Romanbearbeitung nach Astrid Lindgren)
- Tosca / Victorien Sardou (musikalisch-dramatisches Projekt)
- Elektra, Orest / Euripides (in einer Neufassung, Bearbeitung)
- Eines langen Tages Reise in die Nacht / Eugene O’Neill (moderner US-amerikanischer Klassiker)
- Die goldenen letzten Jahre / Sibylle Berg (Auftragswerk für Bonn)
- Der Geizige / Molière
- John Gabriel Borkman / Ibsen
- Über das Töten (nicht-dramatisches Inszenierungsprojekt)
- 60 Jahre in 6 Wochen + Das Treibhaus / Projekt zu 60 Jahre BRD + eine Wolfgang-Koeppen-Dramatisierung
- The Great War / Neil LaBute (US-amerikanischer Gegenwartsautor)
- eine offene Position für ein Gegenwartsstück in der Werkstatt

Die Klassikersäulen Euripides, Schiller, Molière und Ibsen stützen einen ohnehin schon ausbalancierten Spielplan, der eine deutliche Vorliebe für nordamerikanische Dramatik zeigt. Die Zusammenarbeit mit Neil LaBute setzt sich in Bonn nun schon über mehrere Spielzeiten fort. Mit dem Franzosen Fabrice Melquiot und der famosen Sibylle Berg hat man sich zwei durchgesetzte GegenwartsautorInnen ins Programm geholt bzw. setzt sie selber weiter durch. Melquiots Sarkozy-Stück verspricht eine spannende Auseinandersetzung mit dem Werdegang des Staatspräsidenten unseres Nachbarlandes, Bergs neues Stück wird hoffentlich nicht so boulevardesk wie es die Stückbeschreibung befürchten lässt. Fazit: Insgesamt ein ausgewogener, aber eben auch überraschungsfreier Spielplan – jedenfalls der Papierform nach. Keine Experimente. Wir vergeben dem Theater Bonn knallhart nur 2,5 von 5 möglichen Neue-Dramatik-Sternchen, runden diese Wertung aber wegen des relativ hohen Spielplananteils neuer Werke (und trotz großer Zweifel, ob sich Sternchen überhaupt aufrunden lassen) auf 3 Sternchen auf, womit sich folgende vorläufige Stadttheater-Hitparade ergibt:

- LTT, Tübingen ****
- Theater Bonn ***
- Nordharzer Städtebundtheater, Halberstadt/Quedlinburg **
- Theater Regensburg **
- Theater Lüneburg *
- Theater Aachen *

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