Systemerhaltende Theaterkritik?

Hinweis auf eine lesenswerte Veröffentlichung zum Thema “Medien, Kulturpolitik und Öffentlichkeit” von Willy Theobald

(fk) Einen seltenen Versuch, das Zusammenwirken von Theaterkritik und Kulturpolitik wissenschaftlich-kritisch zu beleuchten, unternimmt der Politikwissenschaftler Willy Theobald in seiner gerade in Buchform veröffentlichten Untersuchung “Alles Theater!” (Vdm Verlag, Juni 2008, Euro 79,-, ein Link zur zugrundeliegenden Dissertation Theobalds vom Dez. 2006 findet sich hier).

Der Autor (unterdessen Kulturredakteur bei der Financial Times Deutschland) liefert in seiner Untersuchung neben historischen Abrissen der deutschen Theaterkritik, der Entwicklung des Bildungsauftrages deutscher Bühnen und des subventionierten Theaters auch eine empirische Untersuchung gängiger Subventionsvergaben und der üblichen Intendantenbestellung gemäß aktueller Feuilleton-Wertschätzung.

Nach Auswertung von 240 Rezensionen zu 36 ausgewählten Inszenierung der Spielzeit 2001/02 kommt Theobald zu einigen mehr oder weniger überraschenden Ergebnissen. So haben “Kritiken überregionaler Tageszeitungen (…) wenig bis gar keinen Einfluss auf die Besucherzahlen von Theaterstücken.” Das Publikumsverhalten vollzieht sich anscheinend weitgehend autonom. Das könnte eine beruhigende Nachricht für Theatermacher in den Regionen sein, wenn man es dort nur wahrnehmen wollte. Weiter stellt er fest: “Da auch schlechter besuchte Inszenierungen wohlwollend rezensiert werden, unterstützt die Theaterkritik mehr die Interessen der Theater – und damit der subventionierten Administration – als die des Publikums.” Theobald konstatiert, dass Kritiker wesentlich duldsamer als das Publikum sind und statistisch gesehen viel mehr gute als schlechte Rezensionen schreiben. Aus seiner Sicht bedienen viele Zeitungen “primär die Interessen der Theaterszene und damit der subventionierten Bühnen, die wiederum Repräsentanten des Staates sind”. An den Interessen der Konsumenten – also der Zuschauer – gingen viele Rezensionen vorbei. Grund sei die “weitgehende Assimilation der Kritiker an den Theaterapparat”. Daraus ergebe sich ein “Circulus vitiosus zwischen Kritik, Theatern und Staat, der an den Zuschauern fast völlig vorbeiläuft”. Theaterkritik verfälsche die öffentliche Meinung, sie sei zu einer Art “Frühwarnsystem für die Administration geworden” – ganz entgegen der gängigen “orbrigkeitskritischen” Selbsteinschätzung der Rezensenten. Auch die “Fundamentalkritik” einiger Kritiker, die Abschaffung des subventionierten Theatersystems zu fordern, arbeite letztlich der Politik zu. Rezensenten erzeugten im Habermas’schen Sinne im Zusammenspiel mit Politik und Theatermachern eine synthetische öffentliche Meinung, die systemerhaltend wirksam sei, letztlich aber an den Ansprüchen des Publikums völlig vorbeiziele.

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